Paradies aus Kotze

    Foto: Jan Fischer

    Das Landestheater Tübingen zeigt in ?Paradies? die Innensicht einer Trinkerin 

    von Stephanie Drees 

    Das Trinken ist ein eher langweiliges Laster. Es ist eine Lebensbewältigungsstrategie, wie es viele gibt: Man tut etwas, um andere Dinge tun zu können. Oder sie zu lassen. Attribute wie  Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit schmecken nach abgestandener Wirklichkeit, wie Reste in Bierflaschen am Morgen nach der Party.

    Hannahs Weltwahrnehmung ist alles andere als abgestanden: "Inzwischen rolle ich rasch und unwiderstehlich auf die Vierzig zu und fliege ständig aus den Kurven meines Jetzt." Als ihr Bruder Simon sie vom Wohnzimmerfußboden kratzen soll, trinkt sie alle Vorräte auf, die sie noch in der Wohnung hat. Hannah kann sich schlecht an Verstecke erinnern. Also muss alles weg, bevor es die anderen in die Finger bekommen, das ist wichtig, wichtiger als das eigene Leben. Die Logik einer Trinkerin.

    All das klingt schrecklich, es klingt nach fehlender Selbstachtung und Psychodrama, nach Angst vor dem Leben und ausgeleckten Parfümflaschen unter dem Bett.

    Die Hannah auf der kleinen Bühne des Haus III &70 riecht nach alledem. Und sprüht dabei vor flirrender Energie und lakonischer Selbstoffenbarung. Als sie den Arzt Robert, ebenfalls ein Trinker, kennen lernt, überlegt sie zunächst, wie viel sie schlucken muss, um erfolgreich Sex mit ihm zu haben. Denn trinkt sie nicht genug, wird sie versagen, trinkt sie zu wenig, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Ein Dilemma.

    "Paradies" ist  - wie einige Inszenierungen, die sich beim KALTSTART zeigen -, eine Buchadaption. Der gleichnamige Roman von A. L. Kennedy funktioniert als minutiöser Innenblick, als Bewusstseinsstrom einer Trinkerin, die den größten Teil ihres Lebens getrunken hat. Böse klingt es, wenn man in diesem Zusammenhang von spritzig redet ? und doch macht es diese Hannah aus, die im Theater zwischen Bartisch und Boden rhetorische Pfeile ins Publikum schießt. Wenn es mal kein Alkohol ist, dann ist es Speed, das sie konsumiert, wovon  sie beim Sex "trocken wird wie eine Eidechse auf dem Bratrost".

    Jenke Nordalms Inszenierung von "Paradies" ist zutiefst traurig, weil es nicht auf Traurigkeit setzt. Am Anfang stellt sich kurz der Eindruck ein, man wäre in einer Screwball-Komödie gelandet, in der zwei Schauspieler die Szenen einer modernen Beziehung imitieren. Katja Gaudart und Udo Rau nähern sich an, schieben sich die Whiskygläser wie physische Aufforderungen zwischen ritualisiertem Paarungsgeplänkel hin und her. Noch sitzt Hannahs Blümchenkleid, die Sonnenbrille und das Lächeln. Doch schnell wird klar, das es hier um ein Ringen geht, um das Suchen nach echter Nähe.

    Um das zu zeigen, muss Robert sich zwischenzeitlich auch mal völlig nackt machen und seinen Penis an der Beduselten reiben ? ganz ohne ein paar Klassiker des Regietheaters kommt man auch beim Landestheater Tübingen nicht aus.

    Doch kleinere Abfälle auf der Originalitätsskala macht die Textvorlage wett, die dicht ist wie ein Wald, hinter dessen Bäumen zig skurrile Kopfgeburten stehen. Vor allem aber das Spiel der beiden Darsteller, allen voran Katja Gaudart, die dem Wort Schauspielerin im besten Sinne gerecht wird: Sie spielt mit Körper und Stimme die Möglichkeiten der Vorlage voll aus, führt ihre Figur durch eine Achterbahn der Entäußerung und Entblößung. Und das über knappe zwei Stunden hinweg, in denen außer der Reflexion des eigenen Daseins als Säuferin nicht viel Nennenswertes passiert ? das Schicksal von Hannah zwischen Entzugsklinik, Familienverlust und Lieblingsbar schwebt schon zu Anfang als großer, imaginärer Wegweiser über der Inszenierung.

    Stattdessen sieht man Hannah und Robert sich in den schlimmsten Körperausscheidungs-Sauereien winden, die das zeitgenössische Theater zu bieten hat: Kotze in Form von matschigen Erdnüssen und Wasser klebt auf dem Boden und in den Haaren der Spieler, als der selbst produzierte Schlamm, durch den die Figuren waten. Wenn selbst das nicht eklig, sondern eindringlich ist, dann muss es einfach gut sein, dieses Schauspielertheater.

    Acid statt Fast Food

    Foto: Alexei Rotkirch

    Explosionen auf zwei Quadratmetern: Sarantos Zervoulakos inszeniert den Roman "Liebesgeschichte" von Franzobel

    von Jan Berning

    Wer einen Roman schreiben will, der sich an eine große Masse Leser verfüttern oder schnell auf dem Bahnhofsklo durchs Gemüt ziehen lässt, der ist gut beraten, neben jeder Menge Körpersäften und Explosionen auch ein Arsenal exzentrischer Charaktere bereit zu stellen. Je absurder die Situationen, in die der Antiheld durch seine Obsessionen gestürzt wird und je heftiger die Charaktere aneinander rauschen, desto sicherer ist dem Autor der Beifall der Fast-Food-Fans. Weniger kann er auf den Beifall der Literaturkritiker hoffen. Als "hingerülpster Groschenroman" und "gewaltpornografisches Kasperltheater" wurde der Roman "Liebesgeschichte" des österreichischen Schriftstellers Franzobel besprochen. Doch was zwischen Buchdeckeln nach Junk schmeckt, könnte mit den richtigen Interpreten auf der Bühne knallen wie Acid im Abendmahl.

    Das jedenfalls wird sich Sarantos Zervoulakos gedacht haben, der die Romanvorlage am Max Reinhardt-Seminar inszeniert hat. Auf seiner Pritsche in einem Gefängnis in Jerusalem erzählt der Protagonist Alexander (Christoph Schechinger), wie die Obsession für seine Jugendliebe und der vermeintliche Selbstmord seiner Frau ihn in der Fremde hinter Gittern gebracht haben. Alexander versteht nicht, dass die Welt sich nicht anschließen lässt an den Starkstrom seiner Gefühle. Wechselnd zwischen Selbstmitleid, Ungläubigkeit und Zynismus stülpt er sich eine Art Pferdegeschirr über, das seinen Mund zu einem Grinsen verziehen soll und erzählt seine Tour de force durch Wien und Jerusalem, bis hin zu seinem Entschluss, Terrorist zu werden.

    Jede Geste eine Unterstreichung des Absurden

    Virtuos unterstützt von seinen Bewachern, der eine mit edlem Boxergesicht (Markus Westphal), irgendwo zwischen Mickey Rourke und Pierre Brice, die andere eine dralle Blonde (Sophia Magdalena Freynhofer), mal Püppchen, mal obszöne Wienerin. Neben dem leidend zur Decke schielenden, resignierend lamentierenden und zwischen seinen Grimassen im Schweiß zerfließenden Alexander verkörpern sie nach und nach alle Typen, denen er auf seinem Schnitzlerschen Reigen begegnet: Dunja, exaltiert, übersexualisiert und völlig der Behauptung von Sinnlichkeit verfallen. Dann die wohl witzigste Figur des Abends: Dunjas Geliebter Doyle, ein nasal predigender Schnösel-Künstler mit einer affektierten Freude an sich selbst, zwischen Kinski, Sektenguru und archaisch-martialischem, für den es Ursache und Wirkung nicht gibt, sondern nur Materie. Dazu bewährte komödiantische Paare, wie Pilot und Stewardess, ein arabischer Verkäufer, ein russischer Taxifahrer. Es ist eine Freude, die beiden zwischen Dialekten und Kostümen wechseln zu sehen, den überschallschnellen Text perfekt rhythmisierend, jede Geste eine Unterstreichung des Absurden. 

    Die Lust an der Übertreibung ist körperlich spürbar 

    Es ist ein illusionärer Rausch, der die Zuschauer folgen lässt in humoristische Sphären, die man beim Lesen des Buches als platte Drastik erfahren hätte, etwa wenn der Schilderung vom Sex Dunjas mit Doyles Hund die Stimmung einer christlichen Messe unterlegt wird. Die Klischees, die aus dem Text auf die Bühne geschüttet werden, bleiben Klischees, aber hier, im Theater, werden sie durch die Beschreibungen und Gesten der Darsteller ironisch gebrochen, ist die Lust der Übertreibung sinnlich, körperlich erfahrbar. Wo im Roman hinter dem Sprachwitz sich ein Autor auf die Schenkel klopft, sind es hier Figuren, die mit ihrem beschwörenden Spiel, ihrem Flirt mit den Zuschauern, mit ihren Körpern dafür sorgen, dass sich mehr entzündet als ein Witzefeuerwerk, dass Mitgefühl und Spannung entstehen. Immer wieder holt die fein abgestimmte Dynamik der Inszenierung die Zuschauer ganz nah heran an das Geschehen, in minutiöse Beschreibungen, um sie dann wieder in das protokollarische Verlesen der Ereignisse zu stoßen. Dabei finden diese Illusionen und Explosionen nur auf den zwei Quadratmetern der Pritsche statt. Vielleicht ist die Aufführung auch deshalb mehr als Junk-Food und Kasperltheater, vielleicht ist sie deshalb ein Erzähltheater, das maximal fesselt und ganz bei sich ist. Und tatsächlich knallt ? wie Acid im Abendmahl.

    Was wir von Ben Tewaag lernen können

    Ein Versuch über das Warten aufs Theater 

    von Jan Fischer 

    Oft verschiebt sich alles. Bei "Glaube, Liebe, Hoffnung", erstmal nur der Beginn, nicht viel, eine Viertelstunde vielleicht. Außerdem ist das Spannende an "Glaube, Liebe, Hoffnung" an diesem Tag nicht das Stück ? sondern das Warten auf das Stück: Während wir noch irgendwo in der Mitte der Treppe vor dem Saal des Haus III&70 stehen, Bier in der einen Hand, Eintrittskarte in der anderen, rempelt uns der gerade frisch aus dem Gefängnis entlassene Ben Tewaag an. Für alle, die nicht regelmäßig ?Bunte? lesen: Ben Tewaag ist der Sohn von Uschi Glas, im Gefängnis saß er, weil er vor dem Münchner P1 jemandem die Nase angebrochen hatte.  

    Das alles ist fast absolut uninteressant für diesen kleinen Text. Aber Warten ist tote Zeit, die gefüllt werden muss, einmal natürlich, weil Nichtstun unmöglich ist, aber auch, und vor allem, weil Theater immer ein Ereignis ist, in dem der Zuschauer in ein soziales Netz eingebunden ist, das sich durchs Theaterfoyer, oder, im Falle des KALTSTART über die Bar und Treppen des Haus III&70, auf der Straße vor dem Monsun-Theater, auf dem Vorplatz des Knust spannt: Überall dort, wo gewartet wird. Seine Spannung verliert das Netz erst, wenn das Licht ausgeht und das Stück beginnt, und es wird wieder gespannt, wenn der Applaus vorbei ist.  

    Den Raum durchschreiten, Leute begrüßen 

    Ben Tewaag beginnt sich umzuschauen, nachdem er sich und seiner Verlobten Sandy ? Model, u.a. für C&A - eine Karte besorgt hat, kauft ein paar Süßigkeiten am Kiosk, wofür er einmal quer durch den wegen des Volksentscheid-Public-Viewings übervollen Raum muss, geht dann auf demselben Weg wieder zurück, nur, um auf Höhe der Bar wieder abzudrehen, nachdem er eine Bekannte gefunden hat, eine ältere Dame, die ihn aber offensichtlich so gut dann auch wieder nicht kennt: Seine Verlobte muss er ihr erst vorstellen, obwohl, laut "Bunte", die beiden schon ein paar Monate verlobt sind. Was hat Tewaag da getan? Er hatte seinen Auftritt: Er hat allen, die daran interessiert sind, gezeigt, dass er da ist: Ein Schauspieler seiner selbst, der sich danach sofort in seinen Dialogpart stürzt. 

    Tewaag übrigens ist in diesem Text nur Mittel zum Zweck, um die trockene Theoriekanonade mit ein bisschen Fleisch zu unterfüttern: Wir alle tun, was Teewag tut: Wir nutzen das Warten vor der Aufführung zum, lapidar gesagt, Quatschen: Soziale Netzwerke werden aufgebaut und verfeinert. Das klingt erstmal nach ganz normalem Theaterfoyer, wo ja auch nichts anderes passiert, seien es die ranzigen Spielstätten der Freien Szene, seien es die proseccogetränkten Foyers der Stadttheater.  

    Wartezeit? Nein, Showtime! 

    Das KALTSTART allerdings ist anders. Es ist im Prinzip ein andauerndes, in die Länge gezogenes Theaterfoyer: Es gibt immer ein nächstes Stück, auf das man warten kann, aber es gibt immer auch Aufführungen, die nicht im Programm als solche ausgewiesen sind. Eben solche, wie Tewaag sie aufführt: Man zeigt sich, man spricht sich, man bewegt sich auf den Brettern, die tatsächlich die Welt sind, und sie nicht nur bedeuten. Dabei spielt das Warten aufs Stück die größte Rolle. Auf dem KALTSTART ist das Warten die Zeit, die gefüllt werden muss, in einem Raum, der auch erst zu einem gemeinsamen gemacht werden muss: Was das Festival ausmacht, ist ja gerade, dass dabei auch ein paar Unschärfen entstehen: Die umfallenden Bierflaschen. Die rauschenden Toiletten währen der Aufführung. Dieses ganze "Unplugged"-Ding, das passiert, wenn ein Klub plötzlich zu einem Foyer wird.  

    Die Wartezeit wäre vielleicht mit dem Wort ?Atmosphäre? positiv beschrieben: Die gemeinsame Arbeit daran, dass das KALTSTART nicht nur ein Theaterfestival auf der Bühne wird, sondern auch ein Theaterfestival vor der Bühne. Am schönsten wäre es, wenn das Festival vor der Bühne dem Festival auf der Bühne noch ein bisschen öfter die Show stehlen würde. Als Ben Tewaag uns zur Seite schubst, versuchen wir jedenfalls unser Bestes, seine Inszenierung etwas actionreicher zu gestalten: "Deine Mudda spielt bei Lindenstraße!", schreit ein Redaktionskollege ihm erbost hinterher. Müssen wir Angst um seine Nase haben? Tewaag lächelt nur.

    Wenig und viel, viel und wenig

    Masken und Musik: Die drei Produktionen des PRAG SPEZIAL machen Lust auf mehr 

    von Alexandra Müller

    Tschechisch rattert. Es rast, springt in rasselnden Silben, nur ab und an ist ein Wort verständlich, "problémem", zum Beispiel. Ein unmittelbar existenzielles Problem hat die Malerin in Dea Lohers "Land ohne Worte". Sie war in "k.", einer Stadt voller Armut, Krankheit und Tod. Sie suchte dort eine "echte" Erfahrung, um ihrer Kunst eine neue Ebene zu geben. Jetzt ist sie wie gelähmt. 

    Loher beschreibt in diesem Monolog eigene Erfahrungen in Afghanistan und ringt mit der Stimme der Malerin um den Wert und die Möglichkeit von Kunst, angesichts eines zerstörten Landes. Beim PRAG SPEZIAL war die tschechische Übersetzung des Dramas zu sehen, in einer Inszenierung von Kai Ohrem für die MeetFactory Prag. Die Rolle der Malerin spielt darin der neue Stern am tschechischen Theaterhimmel, Ivana Uhlířová. Die Schauspielerin sieht pausbäckig-unschuldig aus und würde auf der Straße wohl nicht auffallen. Doch auf der Bühne begibt sie sich voll und ganz hinein in das Erzählen der Verstörung. Sie macht sich Lohers reduzierten Text zueigen, illustriert ihn mit wilden Gesten, Geräuschen ("Boom!"), kommt immer zu einem Gedanken zurück: "der schmerz muss da sein ? immer präsent. und das glück."

    Der Sprachsturm in Verbindung mit der Bühne, die im Verlauf des Stückes zumüllt, läuft auf ein Bild zu: Die Künstlerin, die eine Maske von sich selbst trägt und sie abnimmt, weil auch die Erkenntnis, dass sie nicht mehr "authentisch" ist (siehe S. 5), nichts mehr bringt. Uhlířová lässt die Maske fallen und löst ihre Haarnadeln, die in absoluter Stille auf den Boden klirren. Bilder und Atmosphäre, Metaphern und Sprache, alles fügt sich zusammen, ohne Pathos, ohne Schnörkel, ohne falsches Mitleid. Hier wird mit wenigen Mitteln sehr viel erzählt. 

    Das Knistern einer verstrahlten Welt 

    In "Noise" und "Emily" von Handa Gote ist weniger mehr. In ?Noise? unternimmt die Tänzerin Veronika ?vábová eine fantastische Klangreise mit Hilfe von endzeitmäßig improvisierten Instrumenten: Auf dem Boden liegen zwei verkabelte Platten, die auf Körperkontakt reagieren. Mit ihnen erzeugt ?vábová Beats und Meeresrauschen. Mit etwas Draht und zwei Walkie-Talkies fängt sie das Knistern einer verstrahlten Welt ein. "Noise" ist eine Versuchsanordnung: Die Tänzerin erzeugt ihren eigenen Sound und sorgt zugleich für Beleuchtung: Wenn ?vábová plötzlich im Dunkeln sitzt, muss sie einen Move in Richtung Bewegungsmelder in ihre Choreografie einbauen, um weitermachen zu können. 

    Das Konzert "Emily" funktioniert über zeitgenössischeren Hightech: Ein Apple-Computer, ein Theremin, ein paar Handkameras. Es bewegt sich auf den Spuren von Emily Dickinson, einer Dichterin, die sich im Laufe ihres kurzen Lebens vor allem aus der Welt zurückzog. Der Einsamkeit wird mit Songs beigekommen. ?vábová interpretiert Gedichte von Dickinson mit opernhaft verzauberter Stimm oder headbangend auf der Gitarre. Wenn sie sich an den Computer setzt, um eine neue Soundschleife einzuleiten, wird ihr geisterhaft blasses Gesicht live auf eine Leinwand übertragen. Später trägt sie eine unheimlich-traurige weiße Strickmaske, nimmt sie wieder ab, auch hier werden Nahaufnahmen projiziert: Die Bilder überlagern sich, alte Bilder werden aufgegriffen. Es geht auch um Erinnerung, schlau in der Videoinstallation umgesetzt. Am Ende setzt ?vábová eine Maske auf, das Gesicht der Dickinson, ein erschrecktes Puppengesicht, und stiehlt sich von der Bühne. Hier schließt sich ein metaphorischer und atmosphärischer Kreis. 

    Die Theaterwerkzeuge? Tschechische Wertarbeit 

    Das verbindet alle drei Stücke: Sie finden eine eigene (Bild-)Sprache für das, was sie erzählen wollen. Ohren tappt in der Loher-Interpretation nicht in Falle, den Text eins-zu-eins zu übersetzen. Er vertraut seiner Schauspielerin und ihrer Fähigkeit, ein schweres Thema unprätentiös zu verarbeiten. Handa Gote untersuchen ihre Umwelt auf verspielt-nerdige Art und Weise, mit ?Czech craftsmanship?. Die selbstgebauten Theaterwerkzeuge verbleiben nicht im Selbstzweck, sondern werden durchgespielt. Alle drei Produktionen wissen um ihre Mittel, setzen ihr Wenig oder Viel wohldosiert ein. Das PRAG SPEZIAL: Eine Reise in eine besondere Theaterwelt, die auf viele weitere Kooperationen hoffen lässt.

    Authentizi...dings

    Eine absolut wahrhaftige Denkfigur über ein altes theaterwissenschaftliches Thema 

    von Alexandra Müller

    Ich sitze jetzt gerade in unserem kühlen ?Lokal?, hinter mir quasseln die Kollegen über ihre eigenen Artikel. Eigentlich würde ich lieber zum Kleidermarkt gehen und mir eine Handtasche kaufen, die ich nicht brauche, ich kaufe halt sehr gerne ein, besonders, wenn ich nicht an unangenehme Sachen denken will. Das sind im Augenblick: Eine ausstehende Bewerbung, mein immer noch nicht durchgegangener KSK-Antrag, tausend angefangene Stücke, die ich aus Bock- oder Talentgründen nicht weiterschreibe, dass ich meinen Typen vermisse und dass ich hier in Hamburg schon zu viel Geld im Kleidermarkt gelassen habe. Und ein Essay über Authentizi-dings. 

    War das jetzt echt? Ihr werdet es nie erfahren ? ich könnte mir das auch nur ausgedacht haben, um meinen Punkt zu verdeutlichen. Ich beschäftige mich schon seit einer Weile mit Performance Art, da ist der Authenti-Diskurs immer ganz vorne mit dabei. Natürlich habe ich ein bisschen Fischer-Lichte gelesen, weiß von Rimini Protokolls Experten des Alltags und auch was über reale Körper im realen Raum. Aber ich würde in einer Rezension niemals das Wort a.-isch ohne ironische Anführungszeichen verwenden, um nicht aus Versehen in einen Diskurs hineinzugeraten, den zu führen ich eigentlich nicht in der Lage bin.  

    Wie leicht wäre es, wenn ich Juristin wäre: ?[...] der vom Gesetzgeber selbst veröffentlichte Wortlaut einer Bestimmung [wird] authentisch genannt. Im Gegensatz dazu stehen andere Verlautbarungen oder Veröffentlichungen wie beispielsweise in Lehrbüchern oder Kommentaren, die entgegen der authentischen Version nicht im Wortlaut rechtsverbindlich sind.? Da hätte ich was zur Hand, um zu entscheiden, ob etwas a.-isch ist oder nicht und auch, ob es gültig ist. Hab ich aber nicht. 

    Trotzdem male ich mir seit einer Woche kleine As in mein Programmheft, um die Stücke zu markieren, die mit dem A.-Diskurs zu tun haben. Zum Beispiel "Vor der Probe", der öffentliche Konzeptionsversuch eines King-Kong-Stücks von zwei Schauspielerinnen und einem Regisseur, die als sie selbst mit einem Haufen Material an ihrer eigenen Idee scheitern und eine Stunde lang nicht besonders viel zusammenbringen. Aber auch "VON-WEGEN", ein Musical mit Laien und Profis, in dem die meisten auf der Bühne unfreiwillig sie selbst waren ? mangels Schauspielausbildung, in der man das Alltags-a.-ische unter der Rolle zu verbergen lernt. Oder auch der "Diaabend mit Freunden", dessen Grundlage a.-ische Dias einer unbekannten Familie im Urlaub waren.

    Sie alle bilden Eckpunkte des von mir holprig vermiedenen Diskurses. In vielen ist die Authentizi-dings eine Art zusätzliches Theatermittel, wie Licht, Musik, Bühnenbild. Als solches ist die A. greifbar, weil ich über sie genauso sprechen kann wie über die Kostüme. In "Das Erfolgsprojekt" ist sie zum Beispiel als Kommentar zum Stückgeschehen eingesetzt: Künstler sollen das, was sie tun, aus persönlichem Antrieb tun, also stattet man sie mit einem Hauch A. aus, indem die Spielerinnen ihre eigenen Namen tragen und aus ihren Lebens-Nähkästchen plaudern.

    Allerdings kommt mir da die A. selbst wieder in die Quere: Ich kann sie nicht ganz vom Diskurs getrennt sehen, denn anders als Bühnenbild und Kostüm löst ihr Bühneneinsatz auch bei mir Fragen aus, die bis ins Existenzphilosophische mäandern: Bin ich a.-isch ? den anderen gegenüber und auch mir selbst gegenüber? Kann "ich" so überhaupt denken? Oder ist mein Ich-Sein auch nur konstruiert, wie vielleicht ein Hirnforscher sagen würde, der mir von den elektrischen Reaktionen in meinem Kopf erzählen würde und davon, dass es keinen freien Willen gibt. Von den Philosophen ganz abgesehen. 

    Ich bin nun aber weder Philosophin noch Neurowissenschaftlerin, ich bin vom Land. Wer es genau wissen will und um noch ein paar echte Informationen unterzubringen: Niederbieber/Rhön, ca. 700 Einwohner. Und als eine vom Land, die zwar studiert hat, eigentlich aber Praktikerin ist, denke ich zwar über die A. nach, wenn es aber zum Theatererlebnis oder zum Essayschreiben kommt, versuche ich sie zu erden ? und meine Eindrücke in Worte zu fassen, die weniger existenziell sind: Auf der Bühne ist die Authentizi-dings für mich längst nicht so erschreckend und/oder klischeehaft wie in theaterwissenschaftlichen Diskussionen. Das Spiel mit ihr macht etwas mit mir. Ich bzw. das, was ?ich? dafür halte, kann mich noch identifizieren (auch wenns sowas von 70er ist), kann mich an ?Realem? erfreuen, kann Spaß an selbstreferenziellen Spielchen haben. Gerade darum ist es spannend zu sehen, dass das a.-ische ein Thema ist ? auf diesem Festival und wohl auch in der jungen Theaterszene. Es geht wohl auch einigen anderen so. 

    Den besten Beitrag zum Diskurs leistet damit wohl Katherine Heigl am Ende von "The Ugly Truth", einer eher mäßigen romantic comedy von 2009, die ich allerdings aus verschiedenen Gründen drei Mal gesehen habe: Am Ende des Films, als sie und Gerard Butler nach vielen Geschlechterkämpfen endlich zusammengefunden haben, gibt?s wilden Sex. Heigl stöhnt und schreit, was das Bettzeug hält, bis Butler sich von ihr herunterrollt, schweißgebadet. Er fragt sie: "Am I really that good? Oh, yeah? you're just faking." Sie: "You'll never know ?" Dann wirft sie sich wieder auf ihn, in eine zweite Runde.

    "Ich" und "ihr", wir wissen nicht, ob und was authentisch ist. Aber so lange es Lust auf eine zweite Runde macht: Kann ich auf den Diskurs verzichten. Und jetzt geh ich ne Handtasche kaufen.

    Probier's mal mit Ungemütlichkeit!

    Wände werden überschätzt. Das wissen auch die jungen Theatermacher beim KALTSTART-Festival - und reißen die vierte Wand ein, wo es nur geht. 

    von Khesrau Behroz

    In den eigenen vier Wänden ist es am gemütlichsten. Das gilt auch im Theater. Die Figuren haben sich um das, was außerhalb der Bühne vor sich geht, nicht zu kümmern. Der Schauspieler ist sich zwar der Tatsache bewusst, dass ein Publikum zuschaut - seine Figur jedoch nicht. Für den Zuschauer ist es so, als würde er durch eine transparente Wand sehen. Wird sie entfernt, diese ?Vierte Wand?, dann ist Schluss mit der Trennung zwischen Bühne und Welt, zwischen Schauspielern und Publikum. 

    Bertolt Brechts Verfremdungseffekt ist der wohl am leichtesten zu produzierende Spezialeffekt, den das Theater zu bieten hat. Es muss nichts explodieren, keine Rauchmaschine angeschmissen werden, Theaterblut wird nicht gebraucht. Ein Blickkontakt mit dem Zuschauer reicht aus, die Vierte Wand fällt, die Bühne öffnet sich, und damit auch der Zuschauerraum. 

    Ein Tässchen Tee gefällig? 

    Vielleicht, weil dieser Effekt so einfach zu erreichen ist, wird er auch so häufig genutzt ? auch auf dem KALTSTART. Es gibt unzählige Produktionen, in denen mehr oder weniger sinnvoll die Vierte Wand nicht nur durchbrochen, sondern geradezu zerstört wird. Die Performance "das beste dass sich an diesem festival anmeldet (wirklich)" lässt die Zuschauer zu Beginn ihre Lieblingszutaten einer Pizza aufzählen - bevor diese dann tatsächlich bestellt und von einem verdutzen Lieferanten direkt auf die Bühne gebracht wird. In "India Simulator", einem Kammerspiel aus Kassel über interkulturelle Differenzen, setzt sich die Hauptdarstellerin in die Mitte der Bühne und hält eine Kurzpräsentation, während ihr Kollege indischen Chai-Tee an alle Zuschauenden verteilt. Es wird gemütlich im Saal, es bringt Bewegung in die Zuschauerränge. Der Effekt funktioniert aber auch weniger offensichtlich: In der Inszenierung von Büchners "Woyzeck" wird mit dem Zuschauer geflirtet, lasziv in eine Orange gebissen, der Blickkontakt gesucht. In "keep on searching for a heart of gold", einem experimentellen Stück, das im Grunde genommen nach einem Stück sucht, erzählen die Protagonistinnen locker-flockig von ihrer Produktion und worauf sie bei der Recherche so alles gestoßen sind - betont lässig, betont kommunikativ. 

    Viele andere Inszenierungen haben Essen und Getränke verteilt ? oder ließen zumindest ihre Schauspieler kurz in die Augen der Zuschauer blicken und diese wahrnehmen ? genug, um zu verfremden, um dem Publikum die Illusion zu nehmen und ihnen, laut Brecht, die Chance zu geben, ein Spiel kritisch zu betrachten, auf den Inhalt zu schauen, zum Stück eine Distanz aufzubauen. Die Vierte Wand ist eine sensible Wand, eine, die auch bei kleinsten Windstößen umfällt. 

    Wir sitzen alle im selben Boot 

    Theater hat sich gewandelt seit Stanislawski, seinem Moskauer Künstlertheater und dem Naturalismus. Nicht nur der Schauspieler ist sich - wie damals - bewusst, dass Publikum anwesend ist - immer öfter wissen es auch die Figuren selbst. Die Menschen werden nicht mehr allein gelassen mit dem Blick auf die Guckkastenbühne und den Schauspielern darauf, die so tun, als befänden sie sich in einem realen Raum. Nein, das Theater nähert sich dem Publikum an, kommentiert das Geschehen, interagiert und kommuniziert mit den Menschen, bezieht sie in die Dialoge ein. 

    Das ist vor allem beim Nachwuchstheater der Fall, das sich bei den Möglichkeiten, die das Theater ihnen bietet, üppig bedient. Das KALTSTART gibt jungen Theatermachern diese Möglichkeit. Das sieht man schon an den Spielstätten. Sie unterscheiden sich von Staatstheatern und Schauspielhäusern, sind kleiner und intimer. Da werden Konventionen gebrochen, wird geraucht und getrunken, da gehen Leute ein und aus. Gleichzeitig wird durch die Verfremdung aber nicht nur Distanz geschaffen, sondern auch eine Intimität erzeugt: Schauspieler und Publikum sitzen im selben Boot. 

    Vielleicht gibt es überhaupt keine Vierte Wand mehr, die man einreißen könnte. Das Theater ist nicht nur ein Ort der Rezeption, sondern auch einer der (wenn auch vermeintlichen) Kommunikation geworden. Das Anblicken der Zuschauer, die Interaktion, die Berührung, das alles sorgt für eine Nähe, die man weder im Kino noch im Fernsehen spüren könnte. Vielleicht reicht das als Alleinstellungsmerkmal für das Theater völlig aus, das sich in einer Medienumgebung behaupten muss, die mit 3-D und virtueller Realität aufwartet. Dort ?Industrial Light & Magic?, hier Bertolt Brecht. Die Effekte sind nicht überall gut, manchmal sind sie auch nur Gimmicks, manchmal werden sie ungemütlich ? immer aber sind sie eine Einladung des Theaters an sein Publikum, die eigenen vier Wände auch mal zu verlassen.

    Listig, listig

    Eine Woche rum ? Wir feiern Bergfest! Hier gibt's das "KALTSTART so far" in Listen 

    gesammelt von Laura Naumann und Johannes Schneider.  

    Die Top-5-Kostüme 

    1. Die haarigen Monstermasken von ?Reckless Factory? - weil ihre rot leuchtenden Augen direkt die Seele der verderbten Seite der Kulturwelt widerspiegeln. 

    2. Die gelben Handschuhe des Arztes bei "Woyzeck" - weil der Hausfrauencharme eine schöne Brechung zur anorganisch-menschenfeindlichen Rolle ist. 

    3. Die komplette Ausstattung von "Hell above and Heaven below" - weil sie es schafft, die Stimme von Tom Waits in Kostüme zu packen und dabei auch noch KISS zu zitieren.  

    4. Die vier nackten Geschwister im Schlussbild des "Zementgartens" - weil es da mal nicht um Drastik, sondern um Intimität ging. 

    5. Der Schlüpfer der ?Ponydressing?-Spielerin ? weil damit Cheerleader-Erotik endlich auf deutschen Bühnen angekommen ist. 

    Die Top-5-Zitate 

    1. "Ein Kaffee, ein Kognak, ein Stück Scheiße und ein normales Gespräch, bitte!" aus "WER...[binichich]" - weil es exakt unsere Bedürfnislage trifft. 

    2. "Die Jungs sind fit!", gesagt von Agamemnon aus der Ilias, während er den Playboy liest - weil als Antwort auf die Frage, wie es mit dem Heer stehe, man müsse doch jetzt Troja angreifen.

    3. "Der Diskurs hat mich ganz angegriffen" vom Hauptmann im Woyzeck - weil wer sich mit diesen Worten aus der Affäre zu ziehen weiß, gute Chancen hat, Bundespräsident zu werden. 

    4. "Du bist auch Teil der Gesellschaft, Mama.", vom Tonband am Anfang der Performance "das beste dass sich an diesem festival anmeldet (wirklich)" - weil das die Wahrheit ist und Mama dann irgendwas antwortet, das wie ein erstauntes "Ja" klingt. 

    5. " ... und wem das an dieser Stelle zu heiß wird, der kann jetzt gerne gehen!" (Vom Schlachten des gemästeten Lamms) - weil wir nie erfahren werden, ob das Text war oder den Memmen hinterhergeschrien wurde, die aus Schwitzgründen den Saal verlassen hatten. 

    Die Top-5-Festivaldrinks

    1. Lütauer Rhabarberschorle - weil bodenständig, erfrischend, geil und sauer macht lustig. 

    2. "Viva con Agua" - weil das, worauf die Welt noch gewartet hat, ein Szene-Mineralwasser ist. 

    3. Astra - weil es zwar nicht gut schmeckt (uns zumindest nicht), aber der Kater am nächsten morgen ein vertrauter Freund ist. 

    4. Gin-Tonic - weil er so schön phony ist, aber mit Zitrone drin auch wieder down to earth. 

    5. Piña Colada ? weil Kokos und Frucht Sommer, Sommer, Sommer bedeutet. Jedenfalls für Mädchen. 

    Die Top-5-Publikumssätze vor der Vorstellung 

    1. ?Doch, mein Therapeut hat gesagt, dass mir das hier gut tut? - weil uns der Mut, ?Woyzeck? in jeder (aber auch wirklich jeder) seelischen Verfassung zu sehen, sehr beeindruckt. 

    2. ?Kann da nicht rauf, hab' Rücken? - weil körperliche Gebrechen zwar eigentlich ebenso wenig lustig sind wie seelische, wir der Dame aber glücklicherweise sagen konnten, dass zum ?Terrrace Hill? ein Aufzug fährt. 

    3. "Heute wird's ein bißchen punkig" (Regisseur Ralph Reichel in seiner Ansage vor "Schiller feiern") - weil das den Unplugged-Gedanken des Festivals auf den Punkt bringt.  

    4."Nach dem Theater ist vor dem Theater" - weil es den Charakter des Festivals treffend beschreibt und zu jedem Zeitpunkt passt. 

    5. "Wo wird denn hier gleich eigentlich gespielt?" - weil dito. 

    Die Top-5-Publikumssätze nach der Vorstellung 

    1. ?Ich glaube, die Analverletzung hat sie sich im Buch nicht auf einer Kuh zugezogen? -  weil der Abgleich zwischen Romanvorlage und Inszenierung auch im Fall der ?Feuchtgebiete? diskutiert sein muss.  

    2. "Mein eigener Fußgeruch hat mich heute ein bisschen rausgebracht" - weil man sich damit auch vor den Umsitzenden bekennt und (indirekt) entschuldigt. 

    3. "Jetzt ist es wohl zu Ende" beim Fade Out der Lichter am Ende von "Vom Schlachten..." - weil man so ein echt schönes, ruhiges Theaterende verderben kann.  

    4. ?Schade, ich dachte, das wäre mit echten Ponys!? ? weil ?Ponydressing? ja gezeigt hat, dass man auf Dauer auf Steckenpferden nicht reiten kann. 

    5. "LUFT!" - weil das Leben in diesem Sommer an sich sehr existentiell ist. 

    Die Top-5-Places to be auf dem Festival  

    1. Das HausIII&70 - weil es einem Festivalzentrum am nächsten kommt. Und weil man sich im Anbau den Monstern stellen muss. Und hinterm Haus dem lustigen Grillpersonal. 

    2. Die Terrasse vom Terrace Hill - weil wir ohne sie nie einen Überblick über Hamburg bekommen hätten. Und weil man da mit einem Festivalgetränk und den Festivalfreunden glücklich und sentimental in die Ferne gucken kann. 

    3. Der Fotoautomat am Haus III & 70 - weil Sich-zu-viert-in-den-Passfotoautomat-Quetschen schon immer der größte Spaß war. 

    4. Die Hamburger Botschaft - weil die Leute hier selbst beim Fußballgucken konzentriert sind. Und  weil während der Vorstellung keine Getränke ausgeschenkt werden.

    5. Das "LOKAL e.V."-Pressehaus in der Max-Brauer-Allee - weil es das beste Zuhause ist, das man in Hamburg haben kann. Trotz kaltem Wasser und einer Hexe im Keller. 

    Die Top-5-Festivalgeheimnisse 

    1. Dürfen wir leider nicht verraten - weil: siehe 2. 

    2. Ist leider geheim - weil: siehe 3. 

    3. Wie gesagt, leider geheim - weil: siehe 4. 

    4. Geheim! - weil: siehe 5. 

    5. Reicht jetzt!

    Scheitern und Erkennen

    Foto: Jan Hufnagel

    Eine Erschütterung: ?Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten? im Haus III&70 

    von Khesrau Behroz 

    ?Jetzt ist es wohl zu Ende?, sagt eine Zuschauerin, kurz nachdem der Saal im Haus III&70 dunkel wird und die Geschichte von Bjartur und John ihren Schluss findet. Während des gesamten Stücks kommentiert sie alles, als säße man an einem Lagerfeuer und erzählte sich Anekdoten, als würde man verstaubte Fotoalben herauskramen und sie mit anderen teilen, als würde man einer Gesprächsrunde beiwohnen, als wäre man im Kreise der Familie.

    Tatsächlich ist dieses vertraute Verhalten dieser Zuschauerin insofern verstörend, als dass das Geschehen auf der Bühne in den letzten 70 Minuten eher entfremdet, schockiert und erschüttert hat.Kristofer Gudmundsson und die beiden Spieler Gesine Hohmann und Stephan Stock erzeugen ein faszinierendes Bild mit ein paar Holzlatten, einem Diaprojektor, mit Nägeln und Bäuchen. Dabei bedienen sie sich bei zwei Romanvorlagen: ?Sein eigener Herr? von Halldór Laxness und dem titelgebenden ?Monument für John Kaltenbrunner: Vom Schlachten des gemästeten Kalbs und vom Aufrüsten der Aufrechten? von Tristan Egolf. Der erste ist ein isländischer Literaturpreisträger, der andere ein amerikanischer Schriftsteller, der durch Suizid gestorben ist. Beide Geschichten verstören zuerst durch Grausamkeit, man kann sich solche Leben nicht vorstellen, die nur funktionieren müssen, die keinen Platz mehr haben für Abweichungen, die sich aber andererseits auch nichts vormachen, der Sinnlosigkeit dessen bewusst sind, was diese Welt ihnen bietet und genau darin ihr Glück finden, genau danach streben.

    Bjartur, ein sturköpfiger Kleinbauer aus Island, der aus dem Stegreif reimen kann, ein unverbesserlicher Despot über das eigene kleine bisschen Land, ein grausamer Idealist, der das wohl nicht einmal merkt, schätzt seine Schafe, nennt sie Goldflöckchen, nennt sie Silberblick. Rennen sie ihm mal weg, holt er sie wieder zurück, trotzt allen Widrigkeiten, trotz aller Widrigkeiten. Seine Frau Rosa hingegen heiratet er, weil es eben irgendwann mal sein muss, wenn das Land einigermaßen läuft, wenn man auf eigenen Beinen steht, unabhängig ist. Muss er sich entscheiden, wählt er seine Unabhängigkeit, wählt die Schafe, die ihm genau das zusichern, setzt sie sogar über seine eigene Frau, die infolge dieser Extreme stirbt und ein kleines Kind hinterlässt. Kurz: Stephan Stocks Bjartur ist sein eigener, selbstherrlicher Herr ? bis zur letzten Konsequenz.

    John Kaltenbrunner, Kleinbauer aus den Vereinigten Staaten, ist Opfer seiner Umwelt, jemand, der nicht zusammenbricht, sondern zusammengebrochen wird, jemand, der den Naturen ausgesetzt ist, den Stürmen, aber auch den Menschen. Am Ende sucht er dann den Aufstand, als Müllmann, als Anführer der Gescheiterten.

    Bjartur und John gehören zusammen auf die Bühne. Auch wenn sie jeweils anders scheitern: sie scheitern. Sie treffen sich nicht, laufen entweder parallel nebeneinander oder sprechen in dialogischen Monologen, während im Hintergrund die jeweils andere Figur ihren Pflichten nachgeht und auf das Sprechen des Anderen scheinbar reagiert. Gesine Hohmann spielt nicht nur John Kaltenbrunner, sondern zum Beispiel auch die verschüchterte Rosa, Bjarturs Frau.

    Und dann ist da noch die Stimme aus dem Off. Robert McKee ist kein Gott, aber er spricht vom großen Plan, vom Storytelling, erzählt, dass in Geschichten die Darsteller eine Entwicklung durchmachen müssen, er erzählt von Wendungen und von Klimax, das erinnert ein wenig an Aristoteles, nur moderner und mit mehr Schimpfwörtern zwischendrin. Nur: Wie erzählt man eine Geschichte, in der nichts passiert? Bjartur und John sind Persönlichkeiten, die sich nicht entwickeln, zwei Kleinbauern, die irgendwann stehen geblieben sind, entweder in ihrer Sturköpfigkeit oder in ihrem Frust. McKee ist sowas wie der Antagonist der Geschichte und, wenn man so will, auch ein Gescheiterter: Bei den Figuren stoßen seine Worte auf taube Ohren.

    Erschütternd an diesem großartig gespielten Stück ist dann wohl tatsächlich die Einsicht, dass sie nicht so viel anders sind als wir: Wir alle kennen Trotz, wir alle kennen Frust. Die Emotionen sind uns bekannt, Stock und Hohmann schreien, dichten, fluchen sich durch das Stück mit großen Gesten und starker Präsenz, nutzen die Holzlatten, um Dinge zu bauen, die dann wieder zusammenfallen, nichts hält, alles fällt zusammen. Am Ende greift Bjartur wieder zum Holz. Die Bühne wird dunkel - wir müssen selbst weiterbauen.

    Recht auf Wunde

    Foto: Jonathan Merz

    Christopher Rüpings Inszenierung von ?Philoktet ? mein hass gehört mir? in den Zeisehallen hinterlässt einen tiefen Eindruck 

    von Jan Berning 

    Wer verwundet ist, der versucht die Wunde zu ignorieren, bis sie sich schließt, die Schmerzen nachlassen, das Blut gestillt ist. Eine Wunde aber, die immer wieder aufreißt und aufgerissen wird, lässt sich nicht leugnen, sie nimmt Raum ein, übt Einfluss aus, auf das Denken des Verwundeten und manchmal auf sein Handeln. Philoktet hat sich eine solche Verletzung auf dem Kriegszug gegen Troja zugezogen, durch den Biss einer Natter. Weil Odysseus und seine Gefährten den Gestank der Wunde nicht mehr aushalten, setzen sie Philoktet, ihren besten, mit dem Bogen des Herakles ausgestatteten Schützen, auf der Insel Lemnos aus. Nach zehn Jahren erfolglosen Kampfes gegen die Trojaner wird ihnen geweissagt, dass sie nur mit Philoktets Bogen die Schlacht gewinnen können. Also beschwört Odysseus Neoptolemos, den Sohn Achills, mit ihm nach Lemnos zu reisen und dem Verwundeten den Bogen abzuschwatzen.  

     

    Die Insel in der Inszenierung in den Zeisehallen (uraufgeführt wurde des Stück auf Kampnagel) besteht aus einer Tribüne inmitten der Zuschauer. Philoktet (Benedikt Greiner) ist einsam, aber er hat sich arrangiert, findet es geil, wie er sagt. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn Philoktet besteht aus zwei Personen und wird von seinem alter Ego, seiner Wunde (Natalia Rudziewicz), bedrängt. Er wird zu- und abgerichtet, auf die Worte des Textes, das gleichmäßig zehrende Metrum, von seinem anderen Ich, das sein Kinn festhält, ihn in den Zorn seiner Rolle zwingt. Auch Odysseus (Isabell Geibeler) tritt zu zweit auf, wirft sich mit seiner personalisierten Rüstung (Jacob Leo Stark) auf die Insel, um mit schweren Stiefeln die Gipsplatte zu zerstören, schreiend ? ?brutal, genial, egal, anal? ? den Schorf aufzureißen, das Land aufzutrampeln. 

    Ein intesives, körperliches, fast gewalttätiges Spiel 

    Zwischen den beiden Helden steht Neoptolemos (Wiebke Mollenhauer), der die Griechen retten will, aber nicht den Philoktet betrügen. ?Zum Helfer bin ich hier, zum Lügner nicht?, gibt er Odysseus Bescheid. Der aber fordert unbedingten Gehorsam: ?Doch braucht es einen Helfer hier, der lügt.? So wird Neoptolemos zum Spielball, zum Mittelpunkt der Bühne, mal von Odysseus? Rüstung im Klammergriff gehalten, mal vom chorisch gesprochenen Text Philoktets und seiner Wunde unter Druck gesetzt. Und während der angespannte Körper Neoptolemos? von den Streitenden gezerrt, hochgehoben und ruhig gestellt wird, wird er immer mehr zur Projektionsfläche, hinterlässt die Unausweichlichkeit des Scheiterns an der Moral einen entgeisterten Ausdruck auf seinem Gesicht, wie ihn der Pathos des Textes allein nicht herstellen könnte.  

    Es ist ein ungemein intensives, körperliches, fast gewalttätiges Spiel, das unter der Regie von Christopher Rüping entstanden ist. Mal umkreisen die Antagonisten Philoktet auf der Bühne, mal stürzen sie sich über die Gips-Brocken hinab, mal zerreißt ein Schrei das gleichmäßige Stampfen des Textes. Es stehen sich Figuren gegenüber, die keine Sprache mehr teilen, die sperrigen Fragmente der Vorlage von Heiner Müller sich gegenseitig in die Körper stoßen. Sie machen die Dinge über ihr Spiel, über das Metrum des Textes emotional erfahrbar, auch wenn nicht alle Codes und Bilder sich sofort entschlüsseln lassen. 

    Am Ende bestimmt das Publikum: Odysseus muss sterben 

    Dieser mit großer Anstrengung gehaltenen Spannung ? nach einer halben Stunde sind die beigen Overalls der Schauspieler komplett vom Schweiß durchtränkt ? wird immer wieder eine Ebene zwischengeschaltet, die das Geschehen reflektiert, Raum lässt für Spielereien, etwa eine Art Liebesszene zwischen den zweiten Ichs von Philoktet und Odysseus? ?Und dann fragst du mich, ob das eine Geschichte wird mit Anfang, Mitte und Ende, mit ganz viel Liebe? ? um dann umso härter in das Ringen um das Recht auf Hass und das Recht auf Leben einzusteigen. Der entscheidende dieser Meta-Momente ist der, in dem Neoptolemos die Zuschauer bittet, ihm zu helfen: Je eine schwarze Murmel, die sie vor der Aufführung erhalten haben, sollen sie entweder einem Säckchen mit der Aufschrift ?Philoktet? oder ?Odysseus? zuteilen. Eine Waage wird hervorgeholt: Die Abstimmung rettet Philoktet das Leben, Odysseus und die Griechen müssen sterben. Die Zuschauer werden am tragischen Dilemma des Protagonisten beteiligt, machen die Last des Gewissens Neoptolemos? zu ihrer Last und schreiben die Geschichte um: ?Keiner kehrt zurück, keiner schießt auf Troja, keiner erfindet ein hölzernes Pferd, Geschichten werden überschrieben, Helden gelöscht, unsere Geschichte wird nichts werden?. 

    ?Philoktet?, ist eine der Inszenierungen des Festivals, die in Erinnerung bleiben werden, weil sie es vermag, einen tragischen Bühnen-Konflikt zu unserem privaten Konflikt werden lassen, weil sie ein neues, intuitiv erfahrbares Bild findet für eine alte Geschichte. Und weil sie diese Geschichte nicht nur erzählt, sondern den Zuschauern einschreibt, sie in diese Geschichte hinein zwingt.

    Süßer Sterben mit den Erben

    Foto: Ole Westermann

    Klaus Gehres Inszenierung von Wolf Haas? ?Komm, süßer Tod? ist eine modellhafte Bühnenoffenbarung 

    von Stephanie Drees

    Die Nicole ist eine Schicke. Verführerisch wiegt sie im bunten Blümchenoverall den Oberkörper und schüttelt das toupierte Haar. Man müsste schon blind und taub zugleich sein, um nicht zu erkennen, dass der Brenner die Nicole heiß findet. Doch vor allem dient sie ihm als heiße Informationsquelle. Also versucht er, sie auf andere Weise rumzukriegen: Während die Nicole ihre Plastikärmchen ordentlich nach hinten verbiegt, löchert der Brenner sie zu einem Thema, bei dem er nur bedingt Spaß versteht: Es geht um Mord. Gleich zwei Mal.

    Eine Kunststoffleiche nach der anderen: ?Jetzt ist schon wieder was passiert?, steht angemessen programmatisch im Programmheft von ?Komm, süßer Tod?, der Bühnenadaption des Kriminalromans von Wolf Haas. Die Vorlage ist der in Buchstaben gefasste Nationalstolz, genauso der Film, in dem Josef Hader den durch und durch verkorkst-verwienerten Rettungssanitäter Brenner mimt. Der ehemalige Privatdetektiv ist für manche das Beste, was Österreich zu bieten hat. Und es scheint, als punkte man dort mit Brenner als erstem wahren Popfiguren-Exportschlager nach Romy Schneiders Sissi.

    Dabei ist ?Komm, süßer Tod? als grobes Handlungsgeflecht gar nicht so aufregend. Es passiert zwar am laufenden Band etwas, doch die Ereignisse sind in ihrer Lakonie eher Beiwerk. Hier eine Leiche, da ein Zungenkuss, noch ein Leiche, viele, viele mögliche Mörder und einige Karambolagen. Der wahre Star des Buches wie des Films ist der grantelnde Wortwitz, schillernd im dunkelsten Schwarz und trocken wie Sandkörner, die nach einem Sturm zwischen den Zähnen knirschen.

    Der Regisseur und Bühnenkünstler Klaus Gehre hat die für die Inszenierung von ?Komm, süßer Tod?, die am Schauspiel Frankfurt entstanden ist, etwas sehr Kluges getan: Er lässt der Sprache ihren heruntergekommenen Charme und kontrastiert sie mit einer Kulisse, die im wahrsten Sinne spielerisch funktioniert. Modellbauern müsste der Anblick Tränen der Verzückung in die Augen treiben: Häuser und Straßenzüge auf Miniatureisenbahn-Maßstab. Zwischen all dem Rettungswagen, die durch die Szenerie brettern, als setze Plastikleim die StVO außer Kraft. Rund um den Tisch des Geschehens sind Monitore aufgebaut, die mit Kamera-Close-Ups eine weitere Wahrnehmungsebene ins Spiel bringen. Es ist ein Zoom der besonderen Art. Die Zuschauer können zwischen der filmischen Illusion und der theatralen Ebene hin und her switchen. Figuren werden durch Puppen symbolisiert, deren Kunsthaar auch mal kahle Stellen von der Chemotherapie aufweist, während die Bäckchen munter weiter grinsen. Barbiepuppenbeine stehen für die klischierte Sexyness von Bürofegern, die das dreckige Dutzend, das da vor sich hin mauschelt, verwirren und manipulieren. Bis auch so eine mal dran glauben muss.

    Das Milieu der Rettungsvereine hat so einige Leichen im Keller. ?Kreuzretter? und ?Rettungsbund? versuchen sich gegenseitig die Omas von der Dialyse weg zu klauen. Im Wort ?Sterben? stecken nicht umsonst auch die Erben. Ein durch und durch hartes Geschäft.

    Gehre verzichtet - wie die Vorlage - glücklicherweise gänzlich auf jegliche Politische Korrektheit. So heißt Brenners Kollege aufgrund seiner Afromatte Bimbo, seine Liebe zu schweren Goldketten wird ihm zum Verhängnis. Der Bimbo wird zum Bimbo, indem Alleinunterhalter, Puppenspieler und Krankenwagenkamikazee Torben Kessler sich eine Minipli-Perücke auf den Kopf setzt. Kessler ist auch Hansi, der mit riesigen Glasbausteinen auf der Nase leicht sabbernd mit Brenner Diabetes-Touren fährt. Oder auch die im Samthandschuh steckende Hand der alten Frau Rupprecht. Oder auch eine sprechende Brust, die auf den Monitoren zum Leben erwacht.

    ?Komm, süßer Tod? arbeitet stark mit Typisierungen. Figuren werden zum Teil auf comichafte Züge herunter gebrochen, ab und an sprudelt der Trash in Form einer ejakulierenden Bierflasche. Genau das ist die große Qualität des Ganzen: Klischees werden clever gebrochen, indem ihre Darstellungsform so unerwartet daherkommt, dass sich eine kaleidoskopische Perspektive auf das Bühnengeschehen ergibt. Die Inszenierung ist weit mehr als das Nachspielen eines Romans. Sie funktioniert als eine Art theatraler Genremix. Puppenspiel, Live-Making-Of und Film vereinen sich aufs Witzigste. Selten war Sterben süßer.

    Vollstrecker im Putzlicht

    Für Christian Oncius Inszenierung von Koltès? ?Die Nacht kurz vor den Wäldern? gibt es keinen besseren Ort als die Schanze

    von Jan Fischer

    Man nennt das Putzlicht: Das unerbittliche Neonlicht, wenn die Musik vorbei ist. Dan Florescu steht in diesem Licht, vor schwarzen Kacheln. Der Keller des Haus III&70 sieht aus wie das Negativ eines Schlachthausfotos. Eine rauschige Opernarie läuft. Florescu zieht die Straßenkleidung aus und einen Trenchcoat an. ?Es regnet?, sagt er, und kippt sich Wasser aus einer Evian-Flasche über den Kopf. Dann geht es los: Bernard-Marie Koltès? ?Die Nacht kurz vor den Wäldern? (Regie: Christian Onciu): Céline trifft Salinger trifft Camus trifft Fight Club trifft Großstadttristesse. Anderhalb Stunden monolithischer Monolog eines Irren, ein Außenseitertext, in dem einer versucht, zu sein wie alle anderen und seine Simulation zu weit treibt, und seinen Hass nicht unter Kontrolle bringt: ?Nennt mich den Vollstrecker?, sagt der Protagonist über sich selbst, und will ständig alle verprügeln.

    Aber ? und das ist das gruselige ? irre ist er nicht: Florescu ist Schauspieler, der irre spielt, der hin und wieder einen Texthänger hat und sich aushelfen lassen muss, der nicht den Irrsinn des Textes herauskehrt, sondern seine Logik: Denn natürlich erweckt Koltès? Text nur den Anschein von Irrsinn, doch arbeitet eigentlich mit sorgsam gedrechselten Motivketten, mit schimmernden Sätzen, mit ausgeklügelten Überrumpelungstechniken: Da läuft kein Irrer über die Bühne, sondern einer, der weiß, was er tut, wenn er das Publikum anspielt und überrumpelt, wenn er seine Sätze mit voller Absicht leuchten lässt.

    Das Wunderbare an genau dieser und keiner anderen Aufführung des Textes ist, dass es keinen besseren Ort für Koltès Hasstext gibt als das Herz der Schanze. Dass Koltès? regnerische Pariser Straßen dem Schulterblatt ähneln, dass der Text plötzlich aktuell wird. Und die Art, wie der Irre sich inszeniert, wie er diejenigen, die er ?Lackaffen? nennt, und diejenigen, die er ?Kameraden? nennt, in ihrem Ausgehviertel beschreibt, umklappt und sich eigenartig leicht auf die Straßen da draußen projizieren lässt. Plötzlich ist alles wie unter Putzlicht: Die Gentrifizierungscrowd, wie sie sich selbst dort schauspielt und ihre Modebrause trinkt, und dass die einzige Antwort auf ihre Selbstherrlichkeit tatsächlich ist: Tu so, als seist du verrückt. Dann lassen sie dich in Ruhe.

    Theater auf dem Tanzflur

    Über den Unplugged-Gedanken des KALTSTART-Festivals

    von Clara Ehrenwerth

    Haus III&70, Anbau: Auf der Bühne wird geschillert und geräubert, was das Zeug hält, die Rüschenhemden blitzen weiß und rein, der Arm wird zum Monolog gehoben ? aber dahinter steht keine naturalistische Waldkulisse und auch keine metaphorische Waldkulisse aus Plastikflaschen oder so, dahinter steht nicht mal einfach gar nichts, was ja auch immer geht, assoziationsoffener Raum et cetera. Nein: Auf der Clubwand, die heute zur Bühnenrückwand umfunktioniert wurde, jagen und zerfleischen sich mehrere Monster in türkis und lila, Zeichenstil irgendwo zwischen Surrealismus und Soziokultur. Normalerweise wird hier unten Musik aufgelegt. Wir versuchen, den Raum auszublenden, wegzudenken, wo er doch Teil des theatralen Superzeichens sein sollte. Wirkt das überhaupt noch, wenn einer vor den malerischen Überbleibseln einer verlorenen Neunzigerjahrejugend mit großer Geste rezitiert: ?Ich habe große Rechte, gegen die Natur ungehalten zu sein?? Wenn vor der Tür die Flipperhühner gickern? Wünscht man sich da nicht aller Zumutungen ledig ins klimatisierte und sitzgepolsterte Stadttheater zurück?

    Nirvana ohne Stecker? Legendär!

    Wer als Ensemble zu KALTSTART PRO oder zum FRINGE fährt, der fährt nicht einfach auf Gastspiel. Anderswo muss man vielleicht mit ein paar abgespeckten Lichtstimmungen rechnen, einem veränderten Abgang, einer kleineren Garderobe. Wer zum KALTSTART fährt, der findet in den meisten Fällen eine Bühne vor, die im klassischen Sinne gar keine ist, sondern die im Alltag als Disco, als Schule, als Rumpelkeller oder als Jugendzentrum dient. Platz ist eher wenig, Licht- und Tontechnik beschränken sich auf ein Minimum. Da sind Improvisation und künstlerischer Gestaltungswille gefragt: Die Schauspieler müssen sich aller Sicherheiten entledigen, sich stärker auf den eigenen Körper, die Stimme, die Wirkmächtigkeit der Sprache und der Bilder verlassen. Das KALTSTART-Festival hat sich für dieses Prinzip den Ausdruck ?Unplugged? aus der Musikszene ausgeliehen, in der das Steckerrausziehen einige der legendärsten Konzerte zu verantworten hat (Nirvana in New York, Die Ärzte in Hamburg), weil eine akustische Version, die Konzentration auf das Wesentliche, ganz neue Aspekte eines Songs zutage fördern kann.

    Hin und wieder fällt eine Flasche Indie-Limo um

    Wir sitzen auf weißen Klapppapphockern. Alle vier Minuten fährt die S-Bahn über unsere Köpfe hinweg, dann wird es ein bisschen schwierig, das zu verstehen, was da auf der Bühne gesprochen wird. Wir haben Bierflasche und Indie-Limos in der Hand, wir dürfen die hier mit reinnehmen, warum auch nicht, das ist ein Club, da wird getrunken, und hin und wieder fällt da auch eine Flasche um, und hin und wieder klingelt auch ein Handy, weil man vor lauter Clubgefühl ganz vergisst, die Dinger auszuschalten. Aber wenn es schonmal klingelt, dann kann man ja auch rangehen, könnte ja wichtig sein.

    Das KALTSTART ist als Unplugged-Festival im deutschsprachigen Gebiet einzigartig. Das Körber Studio Junge Regie findet in den altehrwürdigen Räumen des Thalia Theaters statt; die unzähligen Produktionen, die beim 100° Berlin gezeigt werden, gehen im Hebbel am Ufer und in den Sophiensälen über die zwar jüngeren, aber ähnlich standardisierten Bühnen. Beide Festivals ziehen in erster Linie ein theateraffines Publikum an ? theaterferne Zuschauer werden nicht gezielt angesprochen. Das KALTSTART dagegen bespielt Lieblingsclubs und Schulen, Strandbars und Bibliotheken und geht (im OPEN AIR Special) auch auf die Straße. Die Leute müssen also nicht erst dahin kommen, wo das Theater sich die Ehre gibt ? es reicht, sich auf dem Barhocker ein paar Zentimeter weiter zu drehen. So entsteht ein Publikum, das sich nicht immer wie ein Theaterpublikum verhält, sondern wie aufmerksame Clubgäste. Die umfallenden Bierflaschen, die telefonierenden Zuschauer, die quietschenden Stühle ? Hintergrundgeräusche, die Teil des Geschehens sind, die die Bühne als Ort der heiligen Verkündung entmachten.

    Das lila Monster gehört jetzt dazu

    Dazu muss man sich als Schauspieler verhalten, genauso wie zu dem Raum, der seine eigene Präsenz einfordert. Wer versucht, das lila Monster zu überspielen, der scheitert. Denn das lila Monster, das gehört jetzt genauso zum Superzeichen wie der Schauspieler. Das als Herausforderung, als Chance zu begreifen, ist die Aufgabe, die das KALTSTART seinen Teilnehmern stellt: Eine neue, eine einmalige Variante des Stücks zu kreieren. In der Musik kann man ja mit herausgezogenem Stecker auch nicht einfach das zupfen, was man sonst auf die E-Gitarre schrammt. Da sollte man schon mindestens ein kleines Cello daneben setzen.

    Und so entsteht in der Verbindung des Theaters mit dem ungewohnten Raum etwas Neues, Drittes. Wir gehen hinunter in den dunkel gefliesten, muffigen, düsteren Clubkeller des Haus III&70 oder steigen hinab in die beklemmende Enge eines nuklearen Strahlenschutzbunkers. Wir sitzen im Waagenbau und verstehen in der Dunkelheit, wie traurig ein Ponyleben sein kann, in dem man mit der angeblich ultimativen Show durch Clubs wie diesen tingelt. Wir schwitzen im 13ten Stock und stellen plötzlich fest, dass der tätowierte Barkeeper ebenso gut ein Schauspieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt mal gerade nicht ran.

    Drama als Therapiebombe

    Die Theaterautoren der KALTSTART-AUTORENLOUNGE haben mitbekommen, dass Krise ist. Das ist gut.

    Ein sorgfältig abwägender Essay von Johannes Schneider

    Das Gute an der Krise ist, dass sie die Zeiten wieder existentiell werden lässt. Nicht von einem Tag auf den anderen und nicht für alle in gleichem Maße. Auch nicht im Sinne einer existentiellen Not. Mehr in Form einer existentiellen Ahnung: Es wird anders werden in den nächsten zehn Jahren - und wahrscheinlich wird es schlechter. Beziehungsweise: Es ist schon schlechter, es kriselt ja bereits, und wir warten wieder mal auf die Bombe, die diesmal nicht aus der UdSSR oder islamistischen Rollkoffern kommt. Diese hier wird aus dem Innern des Landes kommen, wo wir mit Zeitverträgen und ohne Rentenversicherung leben. Wo wir unsere Kinder besser gar nicht erst zeugen sollten.

    Das ist jetzt natürlich arg katastrophierend und trifft ja gar nicht auf alle zu (Maschinenbauingenieure haben ein ganz anderes Gegenwartsbild als freischaffende Künstler oder junge Journalisten). Aber wir brauchen Tendenzen. Wir können ja keinen Essay über Gegenwartsdramatik schreiben, und da steht dann: "Hü und Hott. Das Pony läuft im Kreis." Wir müssen ja irgendwie nach vorne. Weiter geht's ...

    Für die Literatur brechen goldene Zeiten an. Wer heute relevant schreiben möchte, muss nicht den Nazi-Opa aus dem Schrank holen und sich selbst kunstvoll ein Dritte-Generations-Trauma konstruieren. Es reicht ja ein Blick ins eigene Leben, dahin, wo zur Jahrtausendwende noch die Dekadenz und tausend nölende Judith Hermanns zu Hause waren. Wo der Journalismus denkbar prosaisch die ?Angst vor dem sozialen Abstieg? erkennt, streicht der literarische Autor auf Themensuche vier Worte und verharrt bei einem großen: Angst.

    Nonsens! Eine empirische Umfrage unter deutschen Gegenwartsautoren würde wahrscheinlich ergeben, dass maximal drei Prozent (willkürliche Schätzung) "Angst" als ihr vordergründiges Thema angeben. 27 Prozent würden hingegen "Intersubjektive Beziehungen" oder sowas sagen, und 70 Prozent "Irgendwie gedruckt werden" - wenn sie ehrlich wären.

    Wenn wir ehrlich wären, hätten wir längst zugegeben, dass wir nur irgendwie auf die elf Stücke hinleiten wollen, die in diesem Jahr zur KALTSTART-AUTORENLOUNGE eingeladen sind. So ist es kaum verwunderlich, wenn wir das, was wir bisher über die Literatur im Allgemeinen gesagt haben, hier wunderbar an der jungen Dramatik festmachen können. (Die abzubilden hat sich die Lounge ja zum ehrenwerten Ziel gesetzt.) Am meisten fällt uns auf (und es fällt uns sehr, sehr angenehm auf!), was da alles nicht vorkommt: Generationskonflikte, Familiensagas, Hitler. Da verzweifelt niemand wahlweise an seinen 68er-Eltern oder 33er-Großeltern. Und niemand verzweifelt mehr daran, dass es nix mehr zum Verzweifeln gibt. Regieanweisungen wie "Ein Raum, zwei Stühle, er und sie" (frei konstruiert aus leidvollen Lektüre- und Seherfahrungen) sucht man in dieser Auswahl vergeblich.

    Bla, Bla, Bla: Es gehört wohl zu den billigsten rhetorischen Tricks, irgendwelche Pappkameraden zu konstruieren, gegen die sich die tatsächlichen Texte strahlend absetzen können. Außerdem ist es schon eine nackte Unverschämtheit, aus der Gruppe der elf (Stücke in der Autorenlounge) irgendeine Tendenz rauslesen zu wollen, liegen uns doch zum momentanen Zeitpunkt aufgrund verschiedener logistischer Probleme nur derer sechs vor. Aber gut ...

    Genau, gut. Gut ist das (größtenteils), was man da zu lesen kriegt: Reich an Welt, die - das ist ja unsere These - nicht mehr belanglos ist. Es gibt Stücke wie das von Ulrike Syha, das, obwohl es so provokant "Privatleben" heißt, nichts, aber auch gar nichts Privates an sich hat, im Sinne einer behaupteten Intimität, einer ungesunden Nähe zu den Figuren. Das sind in diesem Fall "ER, SIE. Und ein Land, das schrumpft" - und das Land, das schrumpft, bringt's total, viel mehr als ein Raum und zwei Stühle (s.o.). Ohne genau zu wissen, was mit dieser Volte im Dramatis Personae gemeint ist (so naiv, aus dem schrumpfenden Land nur den Verweis auf eine demographische Tendenz zu lesen, sind selbst wir nicht), spüren wir doch in jeder Zeile, wie das ungesunde Klima dieses Landes SIE und IHN bedrückt und formt, deren Wege sich bei einer Zugfahrt kreuzen und die sich fortan vor dem Hintergrund maximaler Unterschiedlichkeit (bei gleicher Verzweiflung) grandios aneinander abarbeiten.

    Stopp! Das wird jetzt unerträglich. Kommt die "Welt" (und mit ihr die Angst) in diesem Text nicht - wenn überhaupt - etwas plump daher? "Der Weltwirtschaft geht es nach wie vor schlecht, während wir so beschäftigt sind", denkt ER beim Sex mit IHR in einem Bahnhofshotel. Das kann es doch nicht sein, die Angst. Das ist doch die übliche bräsige Lakonie ...

    Wir wissen es doch auch nicht! Wir können doch auch nicht für jeden einzelnen Text, jeden Protagonisten, jede Zeile die Hand ins Feuer legen. Am wenigsten für uns, die wir völlig befangen sind in unserem Ansatz, die Stücktexte just in dem, was wir als den zeitlichen Kontext ausgemacht haben, ernst zu nehmen. Wenn die Österreicherin Gerhild Steinbuch ihr "Herr mit Sonnenbrille" da spielen lässt, wo in einer "Flussfurche" unterhalb der Skigebiete vor der Bundeshauptstadt "früher die Stahlindustrie daheim" war und jetzt "immer weniger Menschen Arbeit finden", ist das für uns weniger morbides Setting einer düsteren, auf zwei verschränkten Zeitebenen erzählten Beziehungsgeschichte. Vielmehr wird die düstere Beziehungsgeschichte zur Illustration des morbiden Settings.

    Wir merken an dieser Stelle, wie uns der Essay - schon bei der Erwähnung  des zweiten Stücks - endgültig entgleitet. Wir benutzen die Stücke ja nur für einen hanebüchenen Indizienprozess. Dabei können die so viel mehr ...

    Jaja, die können ja gerne viel mehr können. Aber sie können eben auch das: eine bedrohliche Welt am Abgrund zur Kenntlichkeit entstellen. Überhaupt: einen Abgrund ahnen lassen, der sich in alltäglichen Zugriffsroutinen nur zu gut ausblenden lässt. David Richter und Dirk Laucke lassen "Start- und Landebahn", ihre "Erzählung fürs Theater", in einer so apostrophierten "Eiszeit" (gemeint: das Jetzt) spielen und verfrachten uns zielbewusst dahin, wo wir sonst nicht jeden Tag hinschauen: in ein "fast ausgestorbenes Dorf am Flughafen, sorgsam umschlossen von den Start- und Landebahnen, einer ICE-Strecke und einem Autobahnkreuz". Dort, wo die Zivilisation den Bodensatz der Gesellschaft jetzt schon so zerstört, wie sie es bald mit uns allen machen wird, erhalten wir mehr als nur eine Ahnung vom voraussichtlichen Ende der Welt. "vergiss den ganzen technischen schrott, den flughafen, die autobahn, die ärzte und das pflegeheim. genau dieser bekackte fortschritt hat dein ganzes dorf platt gemacht und dich in einen degenerierten menschen verwandelt", sagt der Protagonist Bill zum Protagonisten Darius ...

    ... was mehr über die Nervensäge Bill aussagt als über sonst irgendwas. Es bringt nichts. Wir müssen an dieser Mammutaufgabe scheitern. Alles ist so - und alles ist anders. Alles ist gesellschaftlich und zugleich privat - vielleicht ist das ja die Tendenz, sonderlich neu wäre das nicht. Wie wenig weit wir so kommen, sieht man an zwei Stücken in der Auswahl, die mit alledem, mit der Krise, der verunsicherten Gesellschaft, der düsteren Zukunft, der Angst vor der Bombe nichts oder nur am Rande zu tun haben: Nora Mansmanns "herr tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem" lässt uns ratlos mit Bonny-und-Clyde-Fragmenten, zwei Kindern und dem Tod zurück, und aus Jens Nielsens selbstzerstörerischer Flanérie "1 Tag lang alles falsch machen" können wir mit unserem Zugriff auch nichts "rausholen" - spätestens hier scheitert der Versuch, den ästhetischen Texten einen diskursiven Gebrauchswert abzutrotzen.

    Diskursiver Gebrauchswert in your face! An dieser Stelle müssen wir das Über-Ich hart ausbremsen, denn eins ist mal klar: So viele Artikel, Essays, Feuilletons, vielleicht sogar Romane können wir über die Krise gar nicht lesen, um uns annähernd so körperlich mies, durchgerockt und existentiell bedroht zu fühlen wie nach einem Lektüretag (plus Nacht) mit den Autorenlounge-Stücken. Huhn oder Ei, gesellschaftliche Krise oder düstere Dramatik, das ist doch jetzt völlig egal. Fakt ist: Es schwingt wieder was. Es gibt wieder eine Form von Furcht vor der Gegenwart jenseits von Wehleidigkeit. Der wir glauben. Und vielleicht - und jetzt beginnen  wir zu träumen - kann eine derart politische (oder politisch gelesene) Dramatik ja einen Effekt zeitigen, wie ihn KFZ-Kollegin Laura Naumann (ebenfalls bei der Autorenlounge dabei) in ihrem "DEMUT VOR DEINEN TATEN BABY" andeutet: Drei Frauen erleben da auf einer Flughafentoilette einen (vermeintlichen) Bombenanschlag und erfahren dabei, wie Angst zusammenschweißen kann. Sie beschließen, einen "Anschlagsimulator" zu bauen, um auch anderen dieses Hochgefühl zu geben, beziehungsweise: "wir brauchen nicht mal was bauen wir machen das alles selbst wir suchen die Orte aus wir spielen die Terroristen wir machen die Leute erleben". Drama als nicht-letale Therapiebombe für die sich entsolidarisierende Gesellschaft - das wäre doch was. Erst einmal reicht es aber zu sagen: Es ist Krise. Die jungen Dramatiker haben das mitgekriegt. Das ist gut.

    Venceremops!

    von Jo Schneider

    Eigentlich wollten wir an dieser Stelle ja immer "die Anderen"  verhohnepiepeln; die, die uns - der bodenständigen KFZ-Redaktion aus der Provinz - zu manieriert, zu campy, zu gewollt, kurz: zu theatermäßig erscheinen; jene, die gerade hier - in der Schanze - den schmalen Grad verfehlen zwischen progressiver Off-Kultur und "Kunstkacke für so Gentrifizierungsschickiyuppielohadinknrollpeople", wie es der Chef ausdrückt.

    Nun wissen wir: Wir sind die Schlimmsten von allen, die herzlosesten und ironischsten PoMo-Wichser des ganzen Festivals. "Schaut euch das mal an", grölt "Mr. Gonzo" Jan II. In seinen Händen: ein Din-A-5-Flyer. "Solidarität mit dem geräumten Hausprojekt Eichenstraße 9 in Wien", buchstabiert Jan III die gefettete Überschrift, nur um direkt anzufügen: "Times New Roman geht ja mal gar nicht."

    "Wien ist mir entschieden zu weit weg für Solidarität", herzlost Redaktionszynikerin Clara E. fadenscheinig hinterher und beginnt zu lesen: "Seit dem Abend des 2. Juli ist das Hausprojekt in dem bis dahin leerstehenden Gebäude in der Eichenstraße 9 eröffnet. Schon am 6.7.2010 forderte die Eigentümerin ÖBB (Österreichische Bundesbahn) den freiwilligen Auszug bis Freitag früh." An dieser Stelle sind ihr die ersten Lacher sicher: "Wer ist denn so blöde und besetzt ein Haus von einer öffentlichen Institution?", kichert Obercheckerin Alex M., als hätte sie selbst im Leben jemals mehr besetzt als eine Toilettenkabine.

    In diesem Stil geht es weiter: Ein handschriftlich eingefügtes Binnen-I bei "HausbesetzerInnen" sorgt für große Heiterkeit, der Satz "Jegliche Versuche selbstverwaltet zu leben werden im Keim erstickt" erntet eine Vielzahl an "Ooooh"s und "Eine Runde Mitleid"s. Die gefettete Signatur wird zielsicher als Angebot der autonomen Linken zum Liedermachen aufgefasst. Das KFZ-Ukulelenorchester holt seine Instrumente hervor, alle anderen ihre glockenhellen und von keinem antifaschistischen Kampf rau gewordenen Stimmen. Eine schmalzige Joan-Baez-Gedächtnis-Kadenz (G-Emoll-C-D) ist schnell gefunden, alle singen:

    "Doch wir sind viele und wir werden immer mehr,
    je mehr wir gedrückt werden, um so entschlossener
    werden wir wieder vor Euch stehen."

    Der Kater folgt am nächsten Morgen. "Du, wir sollten uns echt ernsthafter mit den internationalen Befreiungsbewegungen auseinandersetzen", sagt die Zonen-Linke Laura N., während sie aktionistisch die Klotüren der Redaktionskommune aus den Angeln hebt. Bei der anschließenden Redaktionssitzung wird sodann einstimmig der basisdemokratische Entschluss gefasst, die Rote Flora zu besetzen. Venceremops!

    King Kong kommt! Ins Theater!

    Der Riesenaffe, das Ur-Monster, der Meta-Mythos! Wir wissen, wovon wir reden: Wir sind am Set gewesen, live beim Making-Of! Wir haben in ?Vor der Probe - King Kong essen Angst auf? durchs Schlüsselloch geschaut, um das erste Blubbern der kreativen Ursuppe zu verfolgen, aus der das Kunstwerk hervorgehen wird.

    von Jan Berning und Stephanie Drees

    Ja, der Druck ist hoch und vielleicht ist deshalb das Projekt, seit es Jonas Fischer eingegeben wurde, noch nicht recht fortgeschritten, wie der Regisseur zu Beginn erklärt. Doch vielleicht kann der kreative Flow erst unter dem Zeitdruck und der Spannung einer öffentlichen Probe losplätschern. Eine King-Kong-Klaue in Lebensgröße zum Umhängen hat er dabei. Und zwei Schauspielerinnen: Christina Geiße und Monique Schwitter, die über Haustiere sprechen, über Angst auf der Bühne oder einen seltsamem Text, in dem der Protagonistin ein Phallus unter den Achseln herauswächst. Und als dann nach der Probe nicht viel mehr herausgekommen ist als eine Zusammenfassung der Verfilmung von 1976 und dass man King Kong und Dwan ja mal zum Paartherapeuten schicken könnte, sind wir natürlich enttäuscht. Aber auch von uns. Weil uns erst draußen vor der Tür aufgeht, dass auf der Bühne ein vierter Stuhl gestanden hat und wir die Chance vergeben haben, uns dazu zu setzen, die Vision mit Euphorie zu stützen, King Kong zu retten.

    Das wollen wir hiermit gerne nachholen ? Exklusive KFZ-Tipps für eine King Kong-Inszenierung:

    Transgender-Triebabfuhr

    Die Faust des Riesenaffen steht schon seit den Dreißigern in seiner mythologischen Potenz kerzengerade in der Luft. Doch warum den pelzigen Kolloss nicht in Frauenkleider stecken und in eine Transgender-WG ziehen lassen, domestiziert wie eine Doris-Dörrie-Figur nach dem gewaltfreien Sushi-Happening? Im Jahre 2010 heißt King zu sein, aufgestaute Triebe in den kreativen Umgang mit Polyamourösität zu stecken. In jeder Aufführung die eine wichtige Frage: ?Ist das eine Banane unter deinem Morgenmantel oder freust du dich nur, mich zu sehen??

    Theatrales Live-Call-in

    Wer den Tröster Domian im Fernsehen sieht, der bemerkt sofort: Jürgen und King Kong haben nicht nur die einfühlende Mimik gemein. Sie sind Dealer der Depression, im psychologischen wie wirtschaftlichen Sinne. Bei dem schmusigen Riesen als theatralem Live-Seelenflicker mit Telefonhörer in der Pranke würden gleich zwei Fäuste für ein Halleluja zuschlagen: Mitmachtheater trifft Gutgorillatum.

    Gorilla-Saga

    Einst wurde unser Freund als Projektionsfigur für Ängste vieler Art gesehen. Heute reicht ein Blick vor die Tür, um zu erkennen: Die Hölle, das sind die anderen. Grund genug, den Affen auf ein Dreirad zu setzen und in ein Peter-Pan-Kostüm zu stecken. Eine René-Pollesch-Oper mit dem King (dem schwarzen...) als Hommage an den Großmeister. Nicht umsonst lautet ein Zitat von dessen Seite richtigerweise: ?Draußen tobt der KONGsens?.

    Hotness I was only joking

    Über die Schwierigkeiten des Schwitzens im Theater

    von Laura Naumann

    Juli 2002. Sommerferien mit MTV. Der Mann mit dem Pflaster im Gesicht und Frauen mit kurzen Tops. Sie bouncen und schwitzen. Schweißfilme auf den Körpern. Und immer: it's getting hot in here so take off all your clothes. Und sie genießen. Sie ziehen was aus. Schwitzen weiter. Bouncen. Ziehen das aus. Schwitzen. Und nie war das so hot. Also hot-hot. 

    Juli 2010. Pressehaus Kaltstart Festival. Balkon vom LOKAL. 36 Grad. Wir so vor den Laptops. Theaterkritik zum Beispiel. Katy Perry und Snoop Dogg singen von Californian Gurls und ich denk so, ja, wieder Zeit für Sommerhits, Bikinis, Bikinis, Martinis, ja, geil, aber wir schwitzen leider sogar im Sitzen, haben nicht mal Kraft, den Swimmingpool aufzubauen, nix Bikinis. 42 Grad. Schon drei Mal geduscht. Das Kleid klebt am Arsch, die Finger an der Tastatur fest. Es ist so heißt, aber nie war es weniger hot.

    Darum freu ich mich schon aufs Theater. Da gibts wenigstens keine Sonne. Da kann ich mal schön drin sein, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ja Sommer ist. Aber andere freuen sich auch aufs Theater scheinbar. Wir gehen rein. An der Kartentheke werden Wedelpappen verteilt. Die Klimaanlage ist in Deutschland außer im Auto noch nicht so richtig angekommen. Eine Studiobühne. 80 Leute auf Stühlen. In der Mitte ein Steg. Zwei Schauspieler. Sie beginnen zu sprechen und der Schweiß bildet sich auf ihrer Stirn. Der Schweiß bildet sich in meinen Kniekehlen. Mein Nachbar klebt. Der Block uns gegenüber wedelt. Ich wedele. Irgendwo am Rand steht ein Ventilator, er grinst. Er singt: sun-kissed skin we'll melt your popsicles oh oooh oh.

    Eine Weile geht alles gut. Dann schließen mein Nachbar und ich einen stummen Pakt. Wenn er wedelt, wedele ich nicht, wenn ich wedele, muss er nicht wedeln. Das geht gut. Aber irgendwann wedelt er gar nicht mehr, und ich übernehme die Arbeit für uns beide. Weil ich aber ja so schwitze. 52 Grad. Ich hasse es, wenn sich meine Beine berühren, meine Augen brennen, mein Hals klebt, ich kann nicht mehr zuhören. Dabei bewege ich mich nicht mal. Die beiden Schauspieler auf der Bühne dagegen gehen und springen und klopfen und schmeißen sich hin und müssen dann wieder hoch kommen. Sie tragen lange Hosen und Hemden und Jacketts. Die Kostüme weichen durch. Der Schweiß tropft ihnen das Kinn runter. Es spritzt, wenn sie hart auftreten.

    Jetzt zückt einer der Spieler einen Pflanzensprüher, sprüht sich damit ins Gesicht. Und dann uns. Später wird der Ventilator angestellt. Mal in jede Richtung gehalten. Erleichterung für Sekunden in den Gesichtern der ersten Reihen.

    Wir verehren die beiden Männer, weil sie uns mitdenken, weil sie spontan so was machen für uns. Dabei sind sie die, die am meisten schwitzen, in diesem Raum. Die gerade bei der Arbeit sind außerdem. Die nicht mal wedeln können. 57 Grad. Ich kann mich auf nichts anderes mehr konzentrieren als aufs Schwitzen. Das eigene und das fremde Schwitzen. Das Fremde vor allem.

    Ich erinnere mich ein Aufführungsanalyse-Seminar und lange Diskussionen über Erika Fischer-Lichtes Theorie vom phänomenalen Leib und semiotischen Körper des Schauspielers, also vom gegebenen, "echten", präsenten Körper des Schauspielers und dem Körper der Figur, die der Spieler darstellt und wie diese vor allem in einander übergehen. Zum Beispiel: die hochschwangere Schauspielerin. Wie gehe ich als Zuschauer mit der um? Offensichtlich ist sie schwanger. Aber der Franz Mohr, den sie heute Abend gibt, ist es wohl nicht. Kann ich den Babybauch ausblenden? Oder befruchtet der eventuell irgendwie die Rolle? Gleiches Prinzip, wenn ein Schauspieler bei 60 Grad auf der Bühne gekocht wird. Er besteht nur noch aus Schweiß, er tropft, er atmet schwer, während er diesen Eskimo aus "Eine Reise zum Polar" spielt. Und obwohl wir alle schwitzen, ist das komisch, dass er so schwitzt, weil das plötzlich sein ganz privater Körper ist, der sich da aufdrängt. Das private Schwitzen zieht meinen Fokus. Oder kann man vielleicht auch mal semiotisch schwitzen? Sicher, aber dann wäre das eingebettet. Wie im Videoclip von Nelly. (Redaktions-Kollege Jo sagt gerade: "Schließt ein erigierter Körper aus, semiotischer Körper zu sein) Ich meine: nein!")

    Die große Schwierigkeit des Schauspielers, nur einen Körper zu haben. Mit dem alles gemacht werden muss. Der muss dienen, dienen, dienen, der muss sich besetzen lassen, aber trotzdem ist er noch ganz normaler Standard-Körper. Der dann schwitzt oder schwanger wird oder Bikinistreifen hat.

    Und die große Schwierigkeit des Berufs, da hoch zu gehen und es klar zu machen, trotz 63 Grad, trotz Skianzug, no matter what. Große Geduld, große Leidensfähigkeit ist hier erforderlich, bitte Augen auf bei der Berufswahl, das muss man erstmal leisten können und wollen, wieder und wieder. Ich gehe recht demütig aus den Vorstellungen raus in diesen Festivaltagen. Und dann direkt in den Keller. 

    Der Kick - Eine Lehrstunde über Gewalt

    von Kristina Vogt

    Die Bühne ist leer bis auf eine Bank, es gibt keine Kulisse, keine Requisiten -- selbst die Kostüme fehlen. Trotzdem wirkt die Bühne beklemmend überfüllt, zwei Mütter stehen dort: Die eine ist starr, verbittert, denn Birgit Schöberl (Anika Lehmann) verlor in der Nacht zum 13. Juli 2002 ihren 16-jährigen Sohn -- Marinus wurde stundenlang gefoltert und dann mit dem titelgebenden Kick ins Genick hingerichtet. Jutta Schönfeld (Anne Noack) hingegen wirkt fast trotzig, bemüht sich um Haltung, denn die Täter sind ihre Kinder, Marcel (17) und Marco (23). "Man kann zwar'n alten Anzug wegschmeißen, aber Kinder sind da. Egal wat kommt", erklärt sie in ihrem Monolog.

    Wieso konnte dieser Mord geschehen? Zehn von der Tat Betroffene erzählen in diesem dokumentarischen Theaterstück in ihrer Mundart, in ihrem Tempo und mit ihrer Körpersprache von ihrer Sicht auf die Tat. Überzeugend spielen die zwei Schauspielerinnen Eltern, Anwälte, Bürgermeister oder Täter: Marcel wippt ungeduldig hin und her. Warum er es getan hat? Er habe nicht groß drüber nachgedacht. Tut es ihm leid? Er zuckt die Achseln. Frau Schöberl will Gerechtigkeit, wie sie sagt. "Man soll mit den Tätern genau das machen, was sie mit meinem Sohn gemacht haben." Der Bürgermeister will mit der Sache nichts zu tun haben. Er könne schließlich nichts dafür, Potzlow bei Berlin sei ein ganz normales Dorf
    -- trotz der Arbeitslosenrate von 50%. Hat er damit vielleicht sogar recht, ist Potzlow ein gewöhnliches Dorf?

    "Der Kick" basiert auf einer wahren Begebenheit. Andres Veiel besuchte Potzlow nach der Tat und schrieb nieder, was die Beteiligten ihm erzählten; seine Protokolle und Beobachtungen wurden 2008 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis in der Sparte Sachbuch ausgezeichnet. Diese Inszenierung trägt Veiel Rechnung. Statt auf Effekte setzen die Schauspielerinnen auf die ernüchternde Brutalität der Fakten, erzeugen in der Phantasie des Zuschauers durch ihre überzeugende Darstellung alptraumartige Bilder, die vielleicht noch eindrücklicher, schrecklicher sind, als eine Darstellung der Tat selbst. Die Beleuchtung ist kalt und künstlich -- etwa wie auf einem U-Bahnhof, oder in einem Verhörzimmer -- die musikalische Untermalung spärlich, zuweilen wird die Stimme von Constanze Becker eingespielt -- extra aufgenommen für diese Inszenierung. Atmosphärisch wird man an Filme wie Der Totmacher erinnert. Zwar ist durch die Bruchstückhaftigkeit der Szenen, die Beliebigkeit von deren Reihenfolge eine innerliche Abgrenzung zu den Handelnden möglich, dennoch ist der Einblick so intim, die Szenen so eindringlich, dass auch der Zuschauer die deutsche Gesellschaft hinterfragen muss, denn wo liegt die Grenze von Opfer und Täter? Angesichts zunehmender Gewalt -- insbesondere auch in Hamburg -- hat das Stück eine unbequeme Aktualität: Wie schnell verschließt man sich gegen das Leid anderer? Wie schnell kann aus Perspektivlosigkeit ein Mord geschehen, weil niemand sich verantwortlich fühlt?

    Wie sehen die Nachwuchsschauspielerinnen selbst die Inszenierung, wollen sie mahnen? Lehmann überlegt: "Letztendlich schon. Theater wie ich es sehe, ist eine moralische Instanz. Es geht allerdings nicht darum, die richtigen Antworten zu liefern, sondern die richtigen Fragen zu stellen." Fragen hat der Zuschauer am Ende viele. Da nach der Erfahrung von Noack und Lehmann das Publikum nach der Aufführung stets einen großen Redebedarf hatte, wird im Anschluss an das Stück ein Publikumsgespräch angeboten.

    Umgesetzt von Anika Lehmann und Anne Noack unter Mitwirkung von Constanze Becker

    Konfetti!

    Der Tom-Waits-Liederabend "Hell above & heaven below" im Haus III&70

    von Jessica Kellner

    Die Frage, die ich mir während des Stückes "Hell above & heaven below" öfter gestellt habe, lautete: Wie kann man eigentlich ganz unauffällig so viel Konfetti wie möglich in die Hosentaschen stopfen -- noch dazu, wenn einen 80 Augenpaare dabei beobachten? Andreas Helgi Schmid hat sich dies scheinbar nicht gefragt, sondern sich stattdessen lieber aufs (Situations-)Komischsein konzentriert. Dieser Liederabend nach Tom Waits war nicht einfach nur ein liedergefüllter Abend. Es war ein wohlpointierter Extrakt aus atemberaubender Stimmlichkeit von Jennifer Lorenz und kostümbildnerischer Raffinesse nach alter Pantomimenart. Jetzt: Konfetti... Das Ganze verwoben mit weiß untermalter Mimik und ausladenden Gestiken, die den Zuschauern Anteil hat nehmen lassen an Waits' Leid, Zorn und Sehnsüchten. Wieder: Konfetti... In der Show wird zwar auch mal der Pianist mittels Megafon vergrätzt und gespielt wird so unplugged, dass es für die Ventilation im Saal nicht mehr gereicht hat -- aber wer kann sich denn diesem Ruf der halben Packung Lucky Strike und den Macadamia-Nüssen verwehren?! Schalalali!

    Puppenspiele

    Vorbildlich! KFZ-Leser schneiden die Puppen aus unserer Rubrik "Diskurs zur Hand" aus und lassen sie - so wie es sich gehört! - miteinander diskutieren. In dem Video unten: Theatermacher gegen neoliberale Entscheidungsträger und ihren Kürzungszwang.

    Die KFZ jetzt herunterladen!

    Wir haben es ganz genau gehört: Jubelschreie! Und wir können das sehr gut nachvollziehen, uns geht es genauso, wenn wir unsere bislang erhältlichen zwei Ausgaben der KFZ sehen.

    Wir wollen Glück jedoch nicht nur in Hamburg verteilen, sondern in ganz Deutschland. Deswegen gibt es ab genau jetzt jedes Heft zum Downloaden.

    Jubelschreie? Jubelschreie!

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    KFZ # 01

    KFZ # 02

    Denkt nicht an die Rente, ihr theatralen Nomadensäue!

    von Alexandra Müller

    Ich verdiene nichts an diesem Artikel. Ich werde sogar freiwillig zwei Wochen lang unbezahlt in einer Journalisten-Kommune leben, ohne Warmwasser. Trotzdem freue ich mich darauf. Ähnlich geht es den meisten ebenfalls unbezahlten OrganisatorInnen, Mitwirkenden und teilnehmenden Gruppen beim Kaltstart Festival. Ja, sind wir denn völlig bescheuert? 

    Vielleicht sind die kreativ Arbeitenden, diese selbst gewählten prekarisierten KulturproduzentInnen, deshalb so gut ausbeutbare Subjekte, weil sie ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse wegen des Glaubens an die eigenen Freiheiten, wegen der Selbstverwirklichungsphantasien scheinbar unendlich ertragen. (Isabell Lorey beim Theatertreffen 2006) 

    Um den Bogen weiter zu spannen: Wieso begeben sich junge Theaterbegeisterte freiwillig in die so genannte ?freie Szene?, die in Deutschland aus etwa 20.000 Menschen besteht, die größtenteils kaum von dem leben können, was sie mit ihrer Kunst verdienen? Woher kommen diese Leute? 

    Die Gruppe ?Realitäten Revue? (?Shadow?, Di, 13.07.) etwa ist aus einem studentischen Projekt entstanden ? das haben sie mit vielen Gruppen der Kaltstart-Abteilungen gemeinsam. In den letzten anderthalb Jahren haben sie in Zusammenarbeit mit verschiedenen Tanz- und Theatergruppen drei Inszenierungen auf die Bühne gebracht. Ihre Produktion ?Shadow? war auf einigen europäischen Festivals zu sehen. Finanziert werden die Projekte aus eigenen Mitteln, aber auch aus Kulturfonds. Damit gehören ?Realitäten Revue? zu einer der wenigen freien Gruppen, die öffentliche Gelder bekommt. Das Geld zum Leben verdienen die beiden Hauptakteure allerdings mit Programmieren und Grafik-Design. In der Fringe-Abteilung von Kaltstart können sich die meisten glücklich schätzen: Sie studieren noch. 

    Wir leben prekär, wie die meisten KünstlerInnen. Durch das Studium sind wir zugegebenermaßen noch in einer Art Schutzzone. Es gibt uns die Freiheiten zum auszuprobieren, nicht zuletzt weil wir eine kostenfreie Probenmöglichkeit haben (die wir allerdings mit Kommilitonen teilen und doch oft in unseren Wohnzimmern proben mussten). (Ponydressing, Mi, 14.07.) 

    Die meisten freien Theaterschaffenden verbindet die Suche nach neuen Strukturen, national wie international, eine hohe Flexibilität und der ständig drohende Rutsch ins soziale und/oder finanzielle Nirwana. Und doch drängen immer mehr junge Leute in die freie Szene. Die Konkurrenz wächst, aber das ohnehin knappe Publikum (10-15% der Bevölkerung) nimmt nicht zu, die staatlichen Zuschüsse sogar eher ab. Die Grundprobleme: Einkommen, Alter, Krankheit, soziale Absicherung, Ausbildung, Berufseinstieg und Familiengründung.

    Die Künstlersozialkasse (KSK) reicht schon längst nicht mehr zur sozialen Grundsicherung aus, auch weil zum Überleben nötige Jobs wie Produktionsassistenzen nicht als künstlerische Tätigkeit anerkannt werden.  

    Ich persönlich verbringe in Projektphasen (etwa zweimal jährlich je etwa 8-12 Wochen) meine Zeit fast ausschließlich mit Telefonaten, Proben, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Organisation und Koordination des Teams. In dieser Zeit kann ich kaum nebenher arbeiten. Ein Privatleben im Sinne einer Trennung von Arbeit- und Berufsleben gibt es nicht. Nach meiner Einschätzung ist das im Kulturbereich sowieso kaum möglich, da viele Kulturakteure außerhalb der Projekte Zeit miteinander und in der Planung neuer Projekte verbringen. Man nimmt die Arbeit immer mit nach Hause und lebt von einem Projekt ins nächste, von heute bis übernächstes Jahr. (Franziska Pohlmann, Haute Culture e.V., Mo, 12.07.) 

    Vergangenes Jahr hat der Fond der Darstellenden Künste die Lebens- und Arbeitsbedingungen der freien Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland untersucht. Der ?Report Darstellende Künste? ist die erste Untersuchung dieser Art seit 1973. In einer Onlinebefragung wurden 4000 freischaffende Künstler aus Tanz und Theater befragt. Die Zahlen, die der ?Report Darstellende Künste? enthält, sind zum Heulen. 40 Prozent der freien Theatermenschen verdienen weniger als der Durchschnitt der Bundesbürger: Während diese pro Jahr 17.463 Euro netto verdienen, liegt das Einkommen in der freien Theaterszene bei ungefähr 9000 Euro ? und das, obwohl etwa zwei Drittel einen Hochschulabschluss haben. 32 Prozent sind dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen, 68 Prozent haben keine Kinder. 

    Nahezu zwei Drittel realisieren über zehn verschiedene Projekte im Jahr. Das ?Ensemble la vie ? Das Leben e.V.?, das bei Kaltstart ?Der Zementgarten? (Mo, 12.07.) zeigt, produziert rund sechs Stücke pro Jahr, was aber verhindert, dass sie mit ihren Arbeiten touren. Auch mit der Förderung sieht es nicht so gut aus: WER SAGT DAS? ?Wir haben bis dato noch keine Förderungen bekommen, weder vom Bund noch vom Freistaat Sachsen oder der Stadt Dresden. Den ?Zementgarten? konnten wir nur realisieren, weil das Staatsschauspiel Dresden eine Probebühne bereit gestellt hat, die Hochschule für Bildende Kunst Dresden die sichtbare Bühne gebaut hat, die Hochschule für Musik und Theater Leipzig das Tonstudio zur Verfügung gestellt hat und die Schauspieler auf ihre Gagen verzichtet haben.? 

    30-50 Prozent der freien Theatermacher müssen arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen, rund zwei Drittel der Wochenarbeitszeit geht für Organisation und Nebentätigkeiten drauf. Nur 33 Prozent der Wochenarbeitszeit bleiben für die eigentliche künstlerische Tätigkeit. Und die Rentenerwartung? Etwa 405 Euro haben weibliche Theaterschaffende zu erwarten, Männer etwas mehr.  

    Jetzt kann man natürlich sagen: was soll die Aufregung? Es ist die freie Entscheidung eines Jeden. Am Theater geht?s eben anders zu als anderswo. Das sind keine normalen Jobs. - Und hier genau sind wir am Kern des Problems. Doch, Lebens- und Arbeitsverhältnisse am Theater werden normal. Die prekären Jobs in künstlerischen Berufen sind in den vergangenen Jahren rapide in die Höhe geschnellt. Die Vorstellung, man habe diese Lebens- und Arbeitsverhältnisse am und mit dem Theater frei gewählt und entscheide sich jedes Mal für ein Projekt oder dagegen, ist ein nicht unwichtiger Grund dafür, weshalb die Selbst-Ausbeutung bei Leuten bis etwa 35 Jahre, aber auch darüber, meist ohne Kinder, ins Unermessliche steigerbar zu sein scheint. (Isabell Lorey) 

    Warum also? Auch Helena Otto vom Regiekollektiv ?Otto frisst Engels?, die bei Kaltstart mit ?Pimper my City, du Nomadensau? vertreten sind, spürt die Begeisterung, die Lorey kritisiert: ?Bei mir ist das Theater omnipräsent. Weil ich es liebe und gerne Kraft und Zeit dafür aufbringe. So kann es schon mal sein, dass ich in mehrere Projekte gleichzeitig involviert bin. Ich glaube, Engagement ist mir sehr wichtig. Entweder ganz und dann mittendrin oder gar nicht.? 

    Sie ist kritisch zu sehen, die Leidensbereitschaft und Selbstausbeutung ? dauerhaft leidet darunter nicht nur die künstlerische Arbeit, sondern auch der Rest des Lebens. Mittlerweile hat sich aber glücklicherweise eine kritische Grundstimmung bei den jungen TheatermacherInnen entwickelt, die vielleicht in den kommenden Jahren zu stärkeren Protesten gegen die sinkenden Löhne führen wird. Je mehr neoliberale Strömungen die Kulturschaffenden als Symbolfiguren stilisieren, die das freudige Umarmen von prekären Arbeitsverhältnissen für die Breite der Gesellschaft vorbereiten, ist ein Zusammenhalt, eine Art gewerkschaftliche Organisation unbedingt nötig. 

    Ich hoffe, dass sich die Theaterlandschaft in Deutschland generell umstrukturiert. Dass nicht nur Projekte gefördert werden, sondern dass man auch einen Lebensunterhalt hat in freien Produktionen. Dass sich echte Gemeinschaften bilden, von Spielstätten zu Künstlern, von Künstlern zu Künstlern und so weiter, und nicht nur Namen herumgereicht werden. Ich würde mir wünschen, dass man nicht gezwungen ist, immer auf dem Sprung, nomadisch und von Deadline zu Deadline für Förderanträge und Festivals und Residenzen zu leben. Aber ich glaube, dass es einer künstlerisch-politischen Bewegung bedarf, die sich einsetzt gegen Hierarchien und den Einzug des neoliberalen im Kulturmanagement. Frei arbeiten soll tatsächlich etwas mit Freiheit zu tun haben. (Ponydressing) 

    Für diese Bewegung kann ein Festival wie Kaltstart, so schlecht es auch bezahlen kann, eine Chance sein. Theatermacher aller Bundesländer, vereinigt euch!

    Druckfrisch!

    von Khesrau Behroz

    Es ist vollbracht! Die erste Ausgabe der Kaltstart-Festivalzeitung ist erschienen und trägt den klangvollen Namen KFZ. Wir haben erste, durchaus positive Rückmeldungen bekommen und freuen uns nun über Leserpost, die wir dann im Heft humoristisch verarbeiten können.

    Wir erscheinen fortan übrigens alle zwei Tage und arbeiten in genau diesem Augenblick an den letzten Zügen der zweiten Ausgabe. Die Freude ist groß. Ein Redaktionsmitglied zu dieser ganzen Situation: "Geh mir aus der Sonne!" Ein Satz, den man bei dieser Hitze eigentlich schon fast nicht mehr erwartet hat.

    Für alle übrigens, die nicht dabei sein können: Wir stellen im Laufe des Tages erste Texte hier online, damit Ihr nachlesen könnt, was Ihr verpasst und warum die Trauer aufgrund dieser verpassten Gelegenheit groß sein sollte.

    Aber ob ihr nun vor Ort seid oder nicht: Danke fürs Mitschippern!

    KFZ - Die Kaltstart Festival Zeitung!

    Die KALTSTART HAMBURG 2010 Festivalzeitung sagt, was ging, was geht - und was überhaupt nicht. Sie sagt das, wie es sich für ein Fanzine gehört, im Copyshop-Schnipsel-Look, schwarz- weiß, aber mit Graustufen. Jeden zweiten Tag. Oder jeden dritten. Für kaum mehr als ein bisschen Ruhm ziehen neun junge KulturjournalistInnen in eine Stockbettkommune in der Schanze, lassen sich zwei Wochen lang über das Festival treiben und schauen und reden und trinken und denken und schreiben: Kritiken und Porträts, Szenen und Reportagen, Fotostories und Katerfrühstücksgespräche. Mehr kaltstart hamburg 2010 passt nicht auf din A4. Und für alle, die Holzmedien nicht mehr in die Hand nehmen mögen, gibt es das Ganze auch online ? unter www.kaltstart-hamburg.de/blog Da sind die Fotos sogar bunt! Damit hinterher keiner sagen kann, er hätte von nichts gewusst.

    Ab Montag, den 12.7.2010 an dieser Stelle!